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Veröffentlicht am: 27. Januar 2026

Neue Zahlen zur «Child Penalty»

Kommentiert von Gudrun Kaufmann

Die Kosten von Sorgearbeit sind höher als gedacht. Eine neue Studie des ZEW (Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung) zeigt, dass die Einkommensverluste von Müttern bislang systematisch unterschätzt wurden – vor allem, weil soziale Unterschiede hinter Durchschnittszahlen verschwinden. Der Kommentar würdigt diesen methodischen Fortschritt und richtet zugleich den Blick auf Fragen, die in der bisherigen Messpraxis zur Sorgearbeit zu selten gestellt werden.

Präziser messen, was falsch verteilt ist – Neue Zahlen zur «Child Penalty»

Zahlen zählen: Sie ordnen Erfahrungen, machen Unterschiede sichtbar – und blenden andere aus. Kennzahlen prägen politische Debatten – auch darüber, wie gerecht Arbeit, Einkommen und Lebensverläufe verteilt sind. Die sogenannte «Child Penalty» gehört zu diesen Kennzahlen. Sie soll sichtbar machen, welche langfristigen Einkommensverluste Frauen nach der Geburt eines Kindes tragen. Dass diese Verluste existieren, ist seit Langem bekannt. Weniger klar ist jedoch, wie hoch sie tatsächlich sind – und was genau mit ihnen gemessen wird. Jede Kennzahl beruht auf Annahmen darüber, was als normal gilt, was als Abweichung erscheint und wessen Lebensverläufe zum Maßstab genommen werden. Um besser zu verstehen, warum neue Zahlen zur «Child Penalty» so relevant sind, lohnt sich ein genauer Blick darauf, wie diese Kennzahl bislang berechnet wurde – und an welchen Stellen die gängigen Messverfahren an ihre Grenzen stoßen.

Die sogenannte «Child Penalty» – die langfristigen Einkommensverluste von Frauen nach der Geburt eines Kindes – ist zu einer zentralen Kennzahl der Gleichstellungs- und Arbeitsmarktforschung geworden. Gemeint ist damit keine individuelle «Strafe», sondern eine statistische Größe: Sie beschreibt, wie sich das Erwerbseinkommen von Müttern nach der Geburt eines Kindes im Vergleich zu einem hypothetischen Verlauf ohne Geburt entwickeln würde. Gemessen wird diese Abweichung meist mithilfe eines sogenannten Event-Study-Ansatzes. Dabei werden individuelle Erwerbsverläufe über mehrere Jahre hinweg beobachtet und zeitlich um ein klar definiertes Ereignis – hier die Geburt des ersten Kindes – herum angeordnet. Die Jahre vor der Geburt dienen als Referenz, die Jahre danach zeigen, wie stark Einkommen und Erwerbstätigkeit vom vorherigen Trend abweichen. Der Event-Study-Ansatz ist ein statistisches Verfahren, das beobachtete Erwerbsverläufe mit einem angenommenen Verlauf vergleicht, der ohne dieses Ereignis stattgefunden hätte.

Genau hier liegt jedoch eine zentrale methodische Herausforderung. Denn um Einkommensverluste nach der Geburt korrekt zu bestimmen, muss plausibel geschätzt werden, wie sich das Einkommen ohne Geburt entwickelt hätte. In vielen bisherigen Studien wird dieser sogenannte kontrafaktische Verlauf implizit aus Durchschnittstrends oder aus den Erwerbsverläufen anderer Frauen abgeleitet. Dabei wird häufig unterstellt, dass Mütter – unabhängig von ihrem Alter oder ihrer Lebensphase – vergleichbare Einkommensdynamiken gehabt hätten.

Eine neue Studie des ZEW von Valentina Melentyeva und Lukas Riedel setzt genau an diesem Punkt an. Die Autor:innen zeigen, dass der etablierte Event-Study-Ansatz systematisch verzerrte Ergebnisse liefern kann, weil er eine zentrale Dimension nicht berücksichtigt: das Alter der Mutter bei der ersten Geburt. Dieses Alter ist dabei nicht als bloße demografische Eigenschaft zu verstehen. Es steht in engem Zusammenhang mit Bildungsniveau, Berufserfahrung, Einkommenshöhe und der jeweiligen Karrierephase – also mit genau jenen Faktoren, die die Einkommensentwicklung prägen.

Abhängig davon, ob eine Frau mit Anfang zwanzig, Ende zwanzig oder Mitte dreißig ihr erstes Kind bekommt, befindet sie sich in sehr unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsmarktsituationen. Entsprechend unterschiedlich verläuft auch das Einkommenswachstum vor der Geburt, das in Event-Study-Ansätzen als Ausgangspunkt für den hypothetischen Verlauf ohne Kind dient. Wird diese Heterogenität ignoriert, entstehen methodische Probleme. In konventionellen Schätzungen dienen teilweise Frauen als Vergleichsgruppe, die selbst bereits ein Kind bekommen haben. Ihre Erwerbsverläufe sind jedoch bereits durch Sorgearbeit beeinflusst und eignen sich nicht als Gegenfaktum für einen Verlauf „ohne Geburt“. Zudem werden Effekte aus unterschiedlichen Zeiträumen nach der Geburt statistisch miteinander vermischt. Beides führt dazu, dass das Einkommenswachstum ohne Kinder systematisch unterschätzt wird – und damit auch die Höhe der gemessenen «Child Penalty».

Um diese Verzerrungen zu vermeiden, schlagen Melentyeva und Riedel einen heterogenitätsrobusten, altersdifferenzierten Event-Study-Ansatz auf Basis eines Difference-in-Differences-Verfahrens vor. „Heterogenitätsrobust“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Unterschiede nach Lebensphase und Erwerbsverlauf nicht statistisch nivelliert, sondern explizit berücksichtigt werden. Statt alle Mütter gemeinsam auszuwerten, wird das Alter bei der ersten Geburt gezielt in das Untersuchungsdesign einbezogen. Für jede Altersgruppe von Erstgebärenden wird eine eigene Vergleichsgruppe gebildet, bestehend aus Frauen, die sich zum Vergleichszeitpunkt noch vor der Geburt befinden. Auf diese Weise werden nur Erwerbsverläufe miteinander verglichen, die sich tatsächlich in einer vergleichbaren Lebens- und Karrierephase befinden.

Angewandt auf deutsche Daten zeigt sich: Die Einkommensverluste von Müttern sind deutlich höher als bislang angenommen – rund 28 Prozent höher als in bisherigen Schätzungen, vier Jahre nach der Geburt. Zugleich wird sichtbar, dass sich diese Verluste je nach Alter bei der ersten Geburt unterschiedlich zusammensetzen. Ältere Mütter verlieren absolut mehr Einkommen, weil sie auf einem höheren Einkommensniveau unterbrechen. Jüngere Mütter verlieren relativ stärker, weil sie eine Phase besonders starken Einkommenswachstums verpassen. Die ökonomischen Kosten von Mutterschaft bestehen damit nicht nur aus unmittelbaren Einkommenseinbußen, sondern auch aus entgangenem Einkommens- und Karrierefortschritt – je nach Lebensphase in unterschiedlicher Gewichtung.

Aus sorgeökonomischer Perspektive stellt sich an diesem Punkt jedoch eine weitergehende Frage: Was wird eigentlich als «Kosten» von Mutterschaft verstanden? Wenn Einkommensverluste zum zentralen Maßstab werden, gilt ein durchgängiger, unterbrechungsfreier Erwerbsverlauf implizit als Normalfall. Sorgearbeit erscheint dann vor allem als Ursache individueller Abweichungen von diesem Modell – und nicht als gesellschaftlich notwendige Arbeit, die kollektiv getragen und abgesichert werden müsste.

Präzisere Zahlen machen Ungleichheit sichtbarer, verändern jedoch noch nicht ihre Verteilung. Wenn die tatsächlichen Kosten von Mutterschaft höher sind als bislang angenommen, stellt sich daher nicht nur eine Messfrage, sondern auch eine Verteilungsfrage: Warum werden diese Kosten weiterhin überwiegend individuell von Müttern getragen – in Form von Einkommensverlusten, geringerer sozialer Absicherung und langfristiger ökonomischer Abhängigkeit? Eine Antwort auf die «Child Penalty» muss grundsätzlicher ansetzen: bei der kollektiven Finanzierung von Sorgezeiten, bei der Entkopplung sozialer Sicherheit von kontinuierlicher Erwerbsarbeit und bei einem Wirtschaftsverständnis, das Care nicht als Störung, sondern als Grundlage gesellschaftlicher Reproduktion begreift.

Präzisere Messungen sind notwendig – doch die Frage, wie Sorgearbeit gesellschaftlich organisiert und getragen wird, bleibt entscheidend.

Link zur Studie: https://www.zew.de/fileadmin/FTP/dp/dp25033.pdf

Beitragsbild: Markus Distelrath from Pixabay

Kategorien: News
Schlagwörter: Child Penalty, Einkommensverluste von Müttern, Frauen und Arbeit, Gudrun Kaufmann, Sorgearbeit, ZEW (Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung)

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