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Feministische Ökonomie – eine Geschichte von einem halben Jahrhundert
Viele feministische Sozialwissenschafterinnen, die sich in den neuen Frauenbewegungen der 1970er-Jahre engagierten, orientierten sich in ihren Analysen aus feministischer Sicht oft an kritischen Gesellschaftstheorien, die auf die marxistische Denktraditionen zurückgeführt werden können. Ein heiss umstrittenes Thema war damals, inwiefern ein Zusammenhang zwischen kapitalistischer Akkumulation und dem Patriarchat besteht. Letztlich ging es um die Frage, von wem Frauen ausgebeutet werden: von Kapitalisten, von Männern oder von der Gesellschaft insgesamt – und wie sich diese Ausbeutung konkret zeigt. Im Zentrum stand der politische Streit darüber, wie Klassen- und Geschlechterverhältnisse sowie die damit verbundenen Interessen und Widersprüche zu verstehen sind. Klar, je nach Antwort darauf unterschieden sich auch die Forderungen, die Demonstrantinnen auf ihren Plakaten trugen. Die Ausformulierung der unterschiedlichen Forderungen war Anlass heftiger Kontroversen zwischen der marxistisch geprägten und der autonomen Frauenbewegung. Beispielsweise gab es Anfang der 1980er-Jahre in Paris einen Demonstrationszug, mit zwei getrennten Blöcken: „Wir marschieren gegen den Kapitalismus“ und „Wir marschieren gegen das Patriarchat“. Meines Erachtens sind die Kontroversen keineswegs beigelegt. Heute werden sie in anderer Form weitergeführt, nämlich als Widerspruch zwischen dem kapitalistischen System und seinen aktuellen Entwicklungen und dem, was vor allem im angelsächsischen Raum, zunehmend auch bei uns, „Soziale Reproduktion“ genannt wird. Die Auseinandersetzungen sind heute wesentlich weniger heftig. Sie drehen sich um den Begriff „Soziale Reproduktion“, was darunter zu verstehen ist und wie die Verknüpfung zum heutigen Kapitalismus gesehen wird. Der Begriff wurde von Marxistinnen geprägt und von verschiedenen Theoretikerinnen weit über die theoretischen Grundlagen des Marxismus hinaus weiterentwickelt.
Mir gefällt der Begriff „Soziale Reproduktion“ nicht, wie er aus den Diskussionen der feministischen Marxistinnen entstand. Warum sollte die Herstellung von Salatsauce in der Fabrik „Produktion“ genannt werden, während die Herstellung zu Hause als Reproduktion“ angesehen wird? Ich halte jedoch die Unterscheidung der jeweiligen Verhältnisse, in denen Salatsauce hergestellt wird für sinnvoll – und damit auch die Notwendigkeit spezifischer Begriffe. Es geht hier um die Ökonomie der materiellen Bedingungen, die dem gesellschaftstheoretischen Konzept der „Sozialen Reproduktion“ zugrunde liegt. Diese Ökonomie gleicht einem Flickenteppich verschiedener Arbeits- und Austauschverhältnisse.
Ich selbst nenne diesen Bereich „Sorge- und Versorgungswirtschaft“, andere verwenden dafür „Social Provisioning“. Sorge- und Versorgungswirtschaft ist ein Begriff, der eine Grundlage für die feministische Erweiterung von Wirtschaftstheorien darstellen soll1Gemeint sind alle Mainstream-Theorien auch die heterodoxen Denktraditionen (insbesondere Keynesianismus, Marxismus, institutionelle Schulen)., sich aber nur auf den ökonomischen Aspekt des gesellschaftstheoretischen, umfassenderen Konzepts der „Social Reproduction“ bezieht.
Beitragsbild: Photoshop AI Kreation
Diane Elson – eine Pionierin der feministischen Makroökonomie
Mit grossem Vergnügen und Interesse lese ich derzeit in der Artikelsammlung „The Diane Elson Reader. Gender, Development and Macroeconomic Policy“2https://www.agendapub.com//resources/pdfs/OpenAccess/ELSON_TheDianeElsonReader_9781788218603_OA.pdf, der Ende 2025 erschienen ist. Elson gehört zu den herausragenden Wegbereiterinnen der feministischen Ökonomie, der feministischen Makroökonomie sowie der feministischen Kritik an der Wirtschaftspolitik der eigenen Regierung und internationaler Institutionen. Sie argumentiert sehr klar und sorgfältig, was sie unter feministischer Ökonomie versteht und wie die gesamte Wirtschaft unter Einbeziehung der unbezahlten Arbeit betrachtet werden sollte. Besonders gefällt mir, dass sie ihre Argumentation mit ausführlichen Referenzen auf Konzepte anderer TheoretikerInnen und Ergebnisse vieler Forschungsprojekte, vor allem aus dem Bereich der Entwicklungskooperation, untermauert. Wer sich mit diesem Thema befasst, sollte den Elson-Reader unbedingt lesen.
Elson kommt, wie sie zu Beginn ihrer Einführung schreibt, aus der marxistischen Gesellschaftstheorie. Sie hat eine eigenständige feministische Ökonomie entwickelt und beschreibt einerseits, was sie unter sozialer Reproduktion versteht, andererseits wie soziale Reproduktion als Teil der gesamten Wirtschaft zu betrachten ist. Dabei zeigt sie die Zusammenhänge zu kapitalistischen Entwicklungen, insbesondere zur neoliberalen, auf. Während ich den Begriff „Soziale Reproduktion“ für irreführend halte, bin ich mit dem, was Elson beschreibt, weitgehend einverstanden, ausser mit dem Begriff selbst. Hingegen bin ich skeptisch gegenüber ihren Analysen der Verknüpfung zwischen der sozialen Reproduktion und kapitalistischen Verwertungsprozessen. Ich bin mir aber nicht sicher, worin meine Skepsis genau besteht. Grund genug, mich weiter auf Elsons Argumente einzulassen.
Wie viele andere frühe TheoretikerInnen der feministischen Ökonomie befasste sie sich mit der ökonomischen Entwicklung von Ländern des Globalen Südens. Ihr Studium hat sie darin geschult, Wirtschaften als wesentlich breitere und diversere menschliche Tätigkeiten zu verstehen, als es in den gängigen Wirtschaftstheorien der Fall ist. Als ich Ende der 1960er-Jahre „Ökonomie der Entwicklungsländer” studierte, hiess es, das sei eigentlich keine richtige Ökonomie.
Es ist kein Zufall, dass Elson als ausgebildete Entwicklungsökonomin ihre akademische Karriere in der Fachabteilung „Soziologie“ beendete, ein Departement, das viele Denkrichtungen zuliess. Rückblickend fällt auf, dass die Pionierinnen der feministischen Ökonomie meist Soziologinnen, Politologinnen oder Historikerinnen waren. Sie waren besser darauf vorbereitet, Ökonomie aus feministischer Sicht weiterzudenken, als Wirtschaftswissenschaftlerinnen. Eine Ausnahme waren US-Amerikanerinnen, die als Ökonominnen mit der Denktradition der institutionellen Ökonomie vertraut waren, die viele soziologische Fragestellungen enthält3Eine der Grundannahmen der institutionellen Theorie: Es gibt keine freien Märkte, nur in Institutionen eingebettete Märkte.
. Für diejenigen, die Ökonomie studiert haben oder studieren, sind die Hürden für das Denken der feministischen Ökonomie bis heute sehr gross. Unbezahlte Arbeit als Teil des Ökonomischen zu denken, ist eine besondere Herausforderung.
Abgesehen von Elsons sehr intensiver Auseinandersetzung mit entwicklungsökonomischen Fragen umfassen die Artikel des Readers Themen, mit denen ich mich im Laufe der Zeit ebenfalls befasst habe. Wir haben dieselben Zeiten erlebt und zu ähnlichen Themen gearbeitet, die von nationalen und internationalen Frauennetzwerken aufgeworfen wurden4Bezahlte und unbezahlte Arbeit als Teil des Wirtschaftens, geschlechterspezifische Verteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen, geschlechtergerechte Staatsbudgets, die destruktive Sparwut unserer Regierungen, Globalisierung und die damit verbundene neoliberale Wirtschaftspolitik internationaler Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank sowie Gender und Makroökonomie.. Im Rahmen ihrer akademischen Arbeit hat Elson viel zu den Auswirkungen von Wirtschaftspolitik auf die sozioökonomische Situation von Frauen geforscht. Anhand von Forschungsergebnissen illustriert sie in den Artikeln scharfsinnig irreführende und bornierte Wirtschaftstheorien.
Ein Teil der Artikel konzentriert sich auf die Berichterstattung über die Aktivitäten von Frauennetzwerken, also die praktische Anwendung der feministischen Ökonomie. Sie war Mitbegründerin der UK Women’s Budget Group, die heute zu den führenden Thinktanks für feministische Ökonomie zählt5 https://www.wbg.org.uk
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Meine Ansätze sind sehr viel „ökonomistischer”, was jedoch nicht bedeutet, dass ich Elsons viel weiter gefasste Sicht für falsch halte. Ich versuche, die zahlreichen meist interdisziplinären Analysen auf ökonomische Fragestellungen herunterzubrechen. Zudem möchte ich die Unterschiede zwischen einem soziologischen, einem politologischen und einem ökonomischen Blick auf die Geschlechterverhältnisse sowie auf das, was Elson als „Social Reproduction” bezeichnet, genauer verstehen. Was ich an ihrem Sammelband besonders schätze, ist ihre kluge Einführung in die theoretischen Grundlagen ihrer Konzepte und ihr Beitrag zu einer gesamtwirtschaftlichen (makroökonomischen) Analyse aus feministischer Sicht. Ich werde diesen Reader immer wieder zur Hand nehmen, um meine eigenen Argumente zu klären und die Geschichte meiner Denkbewegungen einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.
Wer diesen Reader liest, erfährt viel darüber, was im angelsächsischen Raum seit Ende der 1980er-Jahre und noch weiter zurück in Sachen feministische Ökonomie diskutiert, gefordert und politisch umgesetzt wurde. Die Anmerkungen und das Literaturverzeichnis sind sehr informativ. Der Reader hilft, sich in dem inzwischen grossen Bestand an feministischer Literatur, der in den letzten 45 Jahren entstanden ist, zu orientieren.
Besonders wichtig finde ich, dass die Artikel zeigen, wie zentral solide Sozial- und Wirtschaftsforschung sowie die Reflexion über die theoretischen Grundlagen des Denkens in der feministischen Ökonomie sind. Dies wird in einer PowerPoint-Präsentation anlässlich der Veröffentlichung des Readers deutlich, in der eine anregende Liste wirtschaftstheoretischer und -politischer Schlussfolgerungen zu sehen ist.6https://www.drdianeelson.com/videos
Kurzum, lest diese wunderbare Artikelsammlung!
Interview mit Mascha Madörin, publiziert im efas-Newsletter Nr. 29 /August 2025
Interview mit Mascha Madörin geführt von Sarah Jäggi, Stellvertretende Leiterin im Schweizer Büro der ZEIT.
Erschienen am 19.3.26 im Grüezi-Newsletter der ZEIT.
Fussnoten
- 1Gemeint sind alle Mainstream-Theorien auch die heterodoxen Denktraditionen (insbesondere Keynesianismus, Marxismus, institutionelle Schulen).
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- 3Eine der Grundannahmen der institutionellen Theorie: Es gibt keine freien Märkte, nur in Institutionen eingebettete Märkte.
- 4Bezahlte und unbezahlte Arbeit als Teil des Wirtschaftens, geschlechterspezifische Verteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen, geschlechtergerechte Staatsbudgets, die destruktive Sparwut unserer Regierungen, Globalisierung und die damit verbundene neoliberale Wirtschaftspolitik internationaler Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank sowie Gender und Makroökonomie.
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