Blog

Veröffentlicht am: 8. Juli 2026

Lost in Translation

Care-Ökonomie, Sorge- und Versorgungswirtschaft, Soziale Reproduktion, Social Provisioning, Caring Economy?

Blog von Mascha Madörin

«Um die Zusammenhänge zwischen der Lage der Frauen, Budgetstreichungen und ökologischer Entwicklung begrifflich besser fassen zu können, haben nun einige Ökonominnen eine neue ökonomische Kategorie erfunden: die «Care Economy», das versorgende und fürsorgende Wirtschaften. Sie betrifft einen riesigen Bereich in allen Volkswirtschaften, in dem überproportional viele Frauen arbeiten – bezahlt und unbezahlt.»1Mascha Madörin (2000) Care economy. Die Budgetpolitik demokratisieren – in Staat und Kirche. In: vice-versa. Mitteiungen der Fachstelle Oekumene, Mission, Entwicklungszusammenarbeit (OeME) und Migration (FaMi) – Reformierte Kirchen Bern-Jura, S. 8.

Diese Zeilen sind aus einem Artikel, den ich im Dezember 2000 für das Mitteilungsblatt vice-versa der Fachstelle Oekumene, Mission, Entwicklungszusammenarbeit geschrieben habe. Mit Stolz stelle ich fest, dass ich bis heute kein Wort daran ändern würde. So allgemein gesagt, stimmt er immer noch. Aber eben nur sehr allgemein gesagt. 

Als der Begriff «Care Economy» zunehmend in der Fachliteratur und im öffentlichen Diskurs auftauchte, haben die Ökonomin Ulrike Knobloch und ich über den Begriff «Care Economy» diskutiert und uns darüber gestritten, wie dieser Begriff im Deutschen heissen soll. Vor dem Hintergrund der Diskussionen zu «Vorsorgendem Wirtschaften» sprach Ulrike von der «Fürsorge», der «Sorge» und dem «Versorgen». Zu Recht fand sie es störend, dass «Care» in die deutsche Sprache übernommen werden sollte. Ich argumentierte für «Care», weil es gut zur schweizerischen Tradition passt: Fremdwörter werden schnell übernommen und zu neuen zusätzlichen Bedeutungen verformt. Nicht zuletzt klingt «Versorgung und Fürsorge» etwas sperrig, Zudem verstärkt das Englische den Eindruck nach seriöser Wissenschaft. Im Übrigen standen wir damals am Anfang eines umfangreichen Forschungsprojekts, in dem es darum ging, genauer zu analysieren, was es mit dieser Kategorie «Care-Ökonomie» auf sich hat und was genau darunter zu verstehen ist. So konnten alle unter diesem reichlich vagen und tendenziell missverstandenen Begriff «Care» diskutieren und theoretisieren, wie sie wollten. Vielleicht entstehen daraus neue ökonomische Begriffe, wenn wir mehr dazu arbeiten. Der Begriff «Care» ist geblieben und wird auch im deutschen und französischen Sprachraum immer öfter gebraucht, allerdings, so denke ich, mit einer engeren Bedeutung als in den frühen Anfängen. 

Beitragsbild: ChatGPT

Kategorien: Blog
Schlagwörter: bezahlte Care-Arbeit, Beziehungsarbeit, Care Economy, Care-Ökonomie, Caring Economy, Diane Elson, Feministische Ökonomie, feministische Wirtschaftstheorie, Haushaltsarbeit, ILO, Kaffee-Beispiel, makroökonomische Analyse, marxistischer Feminismus, Mascha Madörin, persönliche Dienstleistungen, Social Provisioning, Social Reproduction, Sorge- und Versorgungswirtschaft, Sorgearbeit, soziale Infrastruktur, soziale Reproduktion, SuV-Ökonomie, Übersetzung von Care, Ulrike Knobloch, Unbezahlte Arbeit, Versorgungsarbeit, VGR, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Wohlergehen, Wohlstandstheorie

Ausdifferenzierungen und Erweiterungen der Begriffe

Trotz meiner Pro-Care-Argumentation bin ich im Verlauf der letzten zehn Jahren immer mehr davon weggekommen. Ich verwende stattdessen, zumindest in Artikeln, den Begriff «Sorge- und Versorgungsökonomie» (SuV-Ökonomie) als Ersatz für Care Ökonomie. Der Grund ist einfach: Die «SuV»-Arbeit umfasst wesentlich mehr Arten von Tätigkeiten als Care-Arbeit. Auch die Begründung, weshalb dieser Bereich des Wirtschaftens als eigenständiger Wirtschaftssektor anzusehen ist, lautet etwas anders als im Fall der Care-Ökonomie. 2 Die Darlegungen zur Kategorie der Sorge- und Versorgungswirtschaft, finden sich in: Madörin, Mascha, 2019: Zählen, was zählt. Sorge- und Versorgungswirtschaft als Teil der Gesamtwirtschaft. In: Ulrike Knobloch (Hg.): Ökonomie des Versorgens. Beiträge zur Pluralen Feministischen Wirtschaftstheorie. Weinheim, 89–119

Wie mir die Ökonomin Diane Elson vor fast zwanzig Jahren erklärte, werde in den USA von feministischen Ökonominnen vor allem der Begriff «Social Provisioning» gebraucht, aber im Vereinigten Königreich vor allem «Care Economy». Es handele sich in etwa um das Gleiche. Anlässlich der Veranstaltung vom 29. April 2026 von Economiefeministe habe ich Diane Elson die Frage nochmals gestellt: Welche englische Übersetzung sie für meinen Begriff der «Sorge- und Versorgungswirtschaft» verwenden würde? «Care Ökonomie» oder «Social Provisioning»? Sie sagte, sie würde für meine Analysen am ehesten den Begriff «Care Economy» brauchen. Das werde heutzutage am ehesten verstanden. Es gehe auch darum, in der Szene der feministischen Wissenschafter:innen und Aktivistinnen, die an den ehesten benutzten Begriffen zu brauchen. Also «Care Economy». Was die Bedeutung des Begriffs «Social Provisioning» anbelangt, so hat er sich von der «Care Economy» gegenüber früher entfernt, scheint mir jedenfalls. 

Im Jahr 2021 ist vom Verlag Routledge, in dem auch die Fachzeitschrift Feminist Economics herausgegeben wird, ein Handbuch zu feministischer Ökonomie erschienen.3Es lohnt sich die online verfügbare Einleitung der Editorinnen Günseli Berik und Ebru Kongar (2021) zu lesen: Social Provisioning Approach in Feminist Economics. The unfolding research. In: Günseli Berik, Ebru Kongar (ed.): The Routledge Handbook of Feminist Economics, London/ New York, Routledge, S.3-20.
https://www.routledge.com/The-Routledge-Handbook-of-Feminist-Economics/Berik-Kongar/p/book/9780367759896?gad_source=1&gad_campaignid=23516140042&gbraid=0AAAAACWuhHXEaz16XecKDGO01cxiSjQ1X&gclid=Cj0KCQjwjIPSBhCCARIsABGyK7vmf9n8DKrY9RFNItZ8n1CZu5ATqNnM4KWLRvQLGZ9F7PEcAbK4fO0aAlytEALw_wcB

Die Herausgeberinnen des Handbuchs haben als Leitfaden den Begriff «Social Provisioning» gewählt. Es zeigt wie breit und vielfältig zur feministischen Ökonomie inzwischen geforscht und geschrieben wird. Die Diversität der Fragestellungen, der Analysen, der theoretischen Herangehensweisen und Evidenzen ist beeindruckend, aber auch schwer auf einen einzigen Begriff zu bringen. Was also ist heute unter den verschiedenen Begriffen zu verstehen?

Nebst Artikeln aus dem Handbuch habe ich etliche andere auf Englisch und Deutsch über die oben aufgezählten zentralen Begriffe der feministischen Ökonomie gelesen. Ich habe festgestellt, dass die Google-KI gute Zusammenfassungen wissenschaftlicher Artikel liefern kann, in diesem Fall zu englischen Fachbegriffen der feministischen Ökonomie. Ich habe Google-KI gefragt, was unter Care Economy, Social Provisioning, Social Reproduction und Caring Economy zu verstehen sei. Vieles hat, weil allgemein formuliert, sehr ähnlich getönt. Es erwies sich als sehr hilfreich, nach Unterschieden zwischen den Begriffen zu fragen. Ich habe «Care Economy» als Referenzbegriff für die Vergleiche mit den anderen Begriffen gewählt. Ich habe alle Antworten genau gelesen und finde, dass sie hilfreiche Zusammenfassungen und teilweise auch interessante Hinweise zu Artikeln und weiterführenden Websites enthalten. Ich bin aufgrund meines Wissens auf keine irreführenden Angaben von KI gestossen. Ich finde die kurzen Zusammenfassungen von KI zu den Unterschieden sehr hilfreich als Einordnungshilfe für das inzwischen grosse Gebiet der feministischen Ökonomie. Kurz ist aber immer auch verkürzt.

 

 

Was also ist heute mit Care Economy gemeint?

Die Suchmaschine Google und einige Websites verweisen auf die aktuelle Definition der ILO (International Labour Organisation). Da es sich bei der ILO um eine UNO-Institution handelt, kann die Definition des Begriffs «Care Economy» als international gewichtige Referenz, genutzt, als «UNO-geeicht» angesehen werden. Es gibt dazu auf der ILO-Website keine offizielle deutsche Übersetzung, jedoch eine französische: Da wird der Begriff «Care Economy» mit «Economie du soin» übersetzt – ziemlich unbefriedigend finde ich, weil der Begriff Care anders und interessanter konnotiert ist als «soin».4https://www.ilo.org/fr/themes-et-secteurs/leconomie-du-soin Für eine deutsche Version habe ich die DeepL-Übersetzung benutzt und musste korrigieren: «Care» wird durchgängig mit «Pflege» übersetzt, was ziemlich irreführend ist. Wenn schon, müsste es analog zum ILO-Französischen mit «Sorge» übersetzt werden. In der folgenden deutschen Übersetzung des ILO-Textes durch DeepL habe ich meistens das Wort «Care» übernommen. Die unterstrichenen Wörter zeigen an, wo ich die Übersetzung korrigiert habe:

«Die Care Ökonomie umfasst Care-Arbeit – bezahlte und unbezahlte, direkte und indirekte –, die durch den öffentlichen und privaten Sektor erbracht wird, einschliesslich Kleinst-, Klein- und Mittelunternehmen (KKMU), gemeinnütziger Organisationen, der Sozial- und Solidarwirtschaft sowie privater Haushalte. Sie umfasst die Arbeitskräfte im Care Bereich und Personen, die Care-Dienste in Anspruch nehmen, sowie die Arbeitgeber:innen und Institutionen, die Care-Dienstleistungen erbringen.

Care-Arbeit umfasst Tätigkeiten und Beziehungen, die die Lebensqualität erhalten, menschliche Fähigkeiten fördern, Handlungsfähigkeit, Autonomie und Würde stärken sowie die Chancen und die Resilienz sowohl der sorgenden Personen als auch der Unterstützungs-Bedürftigen entwickeln. Sie deckt eine Vielzahl von körperlichen, psychischen, kognitiven, psychischen Gesundheits- und Entwicklungsbedürfnissen in allen Lebensphasen ab – einschliesslich derjenigen von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, älteren Menschen, Menschen mit Behinderungen und den Care-Dienstleistenden selbst. …»(kostenlose DeepL-Übersetzung mit eigenen Ergänzungen)

Dieser Übersetzungsversuch ins Deutsche oder Französische zeigt, wie schwierig es im Fall der Care Economy ist. Bei der Übersetzung mit «Sorge-Arbeit» (travail du soin) fehlt der Aspekt der Versorgung, beispielsweise das Einkaufen für das Mittagessen. «Sorge»-Arbeit betont stark den Aspekt der Fürsorge für Menschen, die von Care-Dienstleistungen abhängig sind. Die ILO-Definition der «Care Economy» ist mir zu eng gefasst und zu sehr auf grundlegende «Care-Bedürfnisse» sowie die Notwendigkeit von Beziehungsarbeit, die von Empathie geprägt ist, ausgerichtet. Ich halte den Begriff der Fürsorge für eine ökonomische Analyse für eine unbrauchbare Kategorie – nicht aber, wenn es um soziologische Fragestellungen geht. Pflege kann sehr abfertigend sein, ohne jegliche Fürsorge, aber es ist immer noch eine Tätigkeit, die aus ökonomischer Sicht eindeutig zum Sorge- bzw. Care-Bereich gehört. 

In der Regel werden in der feministischen Ökonomie alle unbezahlten Arbeiten als Care-Arbeit gezählt, manchmal inklusive freiwilliger Arbeiten. Nach meinen Schätzungen machen die unbezahlten Care-Arbeiten im engeren Sinn (also für Kranke und Kinder im eigenen Haushalt) jedoch nur rund 20 bis 25 Prozent der unbezahlten Arbeiten in Haushalten aus. In diese Schätzung ist auch die Mehrarbeit eingerechnet, die bei den Hausarbeiten entsteht, wenn Kinder oder Kranke im Haushalt leben. Bei allen anderen unbezahlten Arbeiten handelt es sich um Dienste für Personen, die diese Arbeit auch selbst verrichten könnten. In vielen Texten zur Care-Ökonomie wird nicht eindeutig definiert, was genau unter unbezahlter Care-Arbeit verstanden wird: Handelt es sich um die 20 bis 25 Prozent der unbezahlten Arbeit für Personen, die davon «abhängig» sind, dass andere diese Arbeit für sie verrichten, oder alle unbezahlte Arbeit in Haushalten? Entsprechend ist auch unklar, welche bezahlten Tätigkeiten zur Care-Ökonomie gehören. Dies ist insbesondere für statistische Beschreibungen der Care-Ökonomie als Bereich des Wirtschaftens relevant, nicht jedoch, wenn zu einzelnen Tätigkeiten (beispielsweise der häuslichen Krankenpflege Spitex) geforscht wird. Im Konzept «SuV-Ökonomie» sind alle unbezahlten Arbeiten miteinbezogen, unabhängig davon, für wen sie getan wurden und um welche unbezahlten Tätigkeiten es sich dabei handelt. 

Sorge- und Versorgungswirtschaft: Unterschiede zur Care Economy

Aus makroökonomischer Sicht finde ich die Analyse eines statistisch definierten Bereichs des Social Provisioning sehr wichtig. Es geht um eine realistische Sicht der Grössenordnungen. Ohne die Definition eines solchen Bereichs kann das Zusammenspiel zwischen verschiedenen Bereichen des Wirtschaftens nicht analysiert werden. Es geht darum, die gesamtwirtschaftlichen Strukturen und Dynamiken zu verstehen, aus der Perspektive der Care- respektive SuV-Ökonomie.

Der Begriff «Sorge- und Versorgungswirtschaft» umfasst mehr Tätigkeiten als die Care-Ökonomie. Aus verschiedenen Gründen gehe ich vom Konzept der persönlichen Dienstleistungen aus, die direkt personen- und haushaltsbezogen sind. Dazu gehört beispielweise das bezahlte und unbezahlte Putzen im eigenen Haushalt, jedoch nicht das Putzen in Büros von Betrieben. Auch die persönliche Vermögensberatung in Banken gehört nicht dazu, wohl aber das Beratungsgespräch über Haushaltsbudgets und Überschuldung, das von Institutionen der Sozialarbeit angeboten werden. Das, was im Konzept von Care-Arbeit so wichtig ist, nämlich die Beziehungsarbeit ist im Konzept der persönlichen Dienstleistungen auch enthalten. Beziehungsarbeit kann gut oder schlecht sein, sie wird immer mehr oder weniger Zeit und Geld kosten. Wichtig aus feministisch ökonomischer Sicht ist die Anerkennung, dass die von der ILO erwähnten besonderen Tugenden der Care Arbeit als ökonomische Leistung angesehen werden, die Zeit und manchmal auch Geld kostet. Für die Erweiterung des Care Bereichs auf alle bezahlte und unbezahlte Arbeit, bei der es um persönliche, personenbezogene und haushaltsnahe Dienstleistungen geht, spricht deren spezifische ökonomische Logik zum einen, was die Arbeitsprozesse anbelangt, zum anderen die Tatsache, dass es um Dienste direkt für andere Menschen geht. (s. Fussnote 2). Für die Vermittlung der Dienste, für den Tausch, ist kein anonymer Markt dazwischengeschaltet, sondern sie läuft direkt über Interaktionen zwischen Menschen. Es sind immer Beziehungen im Spiel. Die Ökonomie der Zeit ist eine andere als bei der Güterproduktion und -Handel.

In der Wirtschaftstheorie und -analyse sind das Zusammenspiel von Markt und Staat, von Unternehmen, Banken und Handel sowie von Konsumenti:nnen ein Dauerthema. Es gibt dazu umfangreiche Statistiken, die in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) aus verschiedenen Perspektiven zusammengefasst sind: Es lassen sich daraus die Dienstleistungsbranchen herauspicken, die zum Sorge- und Versorgungsbereich gezählt werden sollten. Der grosse Knackpunkt der ökonomischen Analyse aus feministischer Sicht, ist jedoch die unbezahlte Arbeit. Sie ist in den Statistiken der VGR nicht enthalten, Seit 1997 sind jedoch ihr Arbeitsvolumen und ihr monetärer Wert bekannt. Diese können relativ leicht mit den Daten der VGR verknüpft werden. 

Kurzum: Die Unterschiede zwischen den Begriffen «Care-Ökonomie» und «Sorge- und Versorgungswirtschaft» liegen zum einen an der Auswahl der bezahlten und unbezahlten Arbeiten, die dazu gezählt werden. Zum andern stellt die SuV-Wirtschaft einen statistisch klar definierten Sektor des Wirtschaftens dar, dessen Daten so ausgewählt sind, dass sie einfach mit anderen Wirtschaftsdaten verknüpft werden können. Es ist meines Erachtens Voraussetzung makroökonomischer Analysen.

Die SuV-Ökonomie umfasst wesentlich mehr Tätigkeiten als die Care-Ökonomie, aber die Grundidee hinter den beiden Begriffen ist dieselbe.

Social Provisioning im Unterschied zur Care Economy

Die KI von Google antwortet auf meine Frage zum Unterschied zwischen Care-Economy und Social Provisioning wie folgt:

«[…] In der feministischen Ökonomie ist die Care Economy (Sorgeökonomie) der spezifische Teilbereich, der sich mit unbezahlter und bezahlter Fürsorgearbeit befasst. Social Provisioning (soziale Versorgung) ist hingegen der umfassendere theoretische Rahmen, der die gesamte Wirtschaft danach bewertet, wie sie das menschliche Wohlergehen und Überleben sichert. […]

[…] Es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft Ressourcen, Arbeit und Güter organisiert. […] Im Zentrum steht nicht primär die Allokation knapper Güter über den Markt› (wie in der neoklassischen Lehre), sondern die tatsächliche Reproduktion und das Überleben der menschlichen Gesellschaft. Es geht darum, wie das tägliche Leben organisiert ist, damit grundlegende menschliche Bedürfnisse gedeckt werden.» 

Es geht also um die Sicherung des materiellen, physischen Wohlstandes, nicht primär um die Sicherung von Einnahmen der privaten Wirtschaft und Wirtschaft nur in Geld gemessen. Care Ökonomie und die Sorge- und Versorgungswirtschaft fallen für diese Sicherung der materiellen Bedingungen des Wohlstands, was den wirtschaftlichen Aufwand anbelangt, stark ins Gewicht. Es geht hier um eine andere Wohlstandstheorie, die von feministischen Theoretikerinnen stark geprägt wurde. Im Spiel dabei sind immer die finanziellen als auch zeitökonomischen Aspekte des Wirtschaftens. Zum Teil ist nicht nur wie in obiger Definition von grundlegenden menschlichen Bedürfnissen die Rede, sondern von den materiellen Bedingungen, welche den Wohlstand und das Wohlergehen von Menschen ausmacht – auch von Rolls-Royce-Besitzern. 

Caring Economy im Unterschied zur Care Ökonomie

Die KI (Google) schreibt dazu: 

«Während Care Economy (die klassische Sorgeökonomie) beschreibt, wer sorgt und welche wirtschaftlichen Sektoren damit verbunden sind, ist Caring Economy (die fürsorgende Wirtschaft) ein ganzheitliches, gesellschaftspolitisches Leitbild, das menschliches Wohlergehen und ökologische Nachhaltigkeit ins absolute Zentrum des gesamten Wirtschaftens stellt. 

[…] Die Care Economy ist der „Motor“, der die Gesellschaft durch Fürsorge am Laufen hält. Die Caring Economy ist die politische und wirtschaftliche Vision einer Welt, in der dieser Motor die oberste Priorität und den Taktstock für das gesamte Wirtschaftssystem bildet.»

Laut Google-KI geht es also bei «Caring Economy» um gesellschaftliche Visionen und nicht um Analysen von Zusammenhängen und Darstellungen über die Auswirkungen von Wirtschaftspolitik. Das Erkenntnisinteresse ist ein anderes als bei den anderen vier Begriffen. Es geht um die Formulierung von alternativer Wirtschaftspolitik, geeignet für ein politisches Manifest einer Bewegung. Der Begriff «Ganzheitlichkeit» macht mich auf jeden Fall sehr skeptisch. Niemand kann das Ganze denken.

Soziale Reproduktion als Denkansatz

Es handelt sich um einen Begriff der marxistischen Gesellschaftstheorie. In seinen Denkmodellen war für Marx die Verfügbarkeit von Arbeitskräften für die kapitalistische Produktion ein zentrales Thema. Es ging – unter anderem – um die Frage, wieviel ökonomischen Aufwand es für «Produktion» und Unterhalt von Arbeitskräften braucht und wie viel Kapitalisten dafür bezahlen (müssen). Erwerbsarbeitende wollen möglichst hohe Einkommen pro Arbeitsstunde, mit denen sie möglichst viel kaufen können, während die Unternehmer möglichst wenig bezahlen wollen, weil sie die Betriebskosten niedrig halten und möglichst hohe Profite erzielen wollen. Und gleichzeitig müssen die Unternehmer möglichst viele der Konsumgüter verkaufen, um Gewinne erzielen zu können. Darin sah Marx einen fundamentalen Widerspruch der kapitalistischen Produktion. 

Feministische Marxistinnen begannen dieses Denkmodell zu hinterfragen. Sie monierten, dass Marx die riesigen Mengen unbezahlter Leistungen ausblendet, die für das Aufwachsen von zukünftigen Arbeitskräften und für ihren Unterhalt als Erwachsene notwendig sind. 

Heutzutage wird im marxistischen Feminismus zwar immer noch von einer kapitalistischen Gesellschaftsformation gesprochen, die jedoch durch die unterschiedlichsten, miteinander verflochtenen Produktionsverhältnisse geprägt ist. Neben der kapitalistischen Produktionsweise gibt es einen bunten Teppich verschiedenster Arbeits-, Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse, die für die Existenz und Erhaltung einer Gesellschaft wichtig sind. Viele der damit verbundenen Arbeiten werden jedoch nicht direkt von Kapitalisten in ihren Betrieben, sondern in anderen Verhältnissen, u. a. in Haushalten, ausgebeutet. Das marxistische Konzept der kapitalistischen Produktion und Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse wird also um das Konzept der sozialen Reproduktion erweitert. 

Die KI (Google) schreibt zur Definition: 

«Soziale Reproduktion bezeichnet die Gesamtheit aller Tätigkeiten und Prozesse, die notwendig sind, um menschliches Leben und die Gesellschaft zu erhalten. Dazu gehört einerseits die Erhaltung der menschlichen Arbeitskraft (z. B. durch Kochen, Putzen, Pflege) und andererseits die Weitergabe von gesellschaftlichen Strukturen, Vermögen und sozialen Ungleichheiten über Generationen hinweg.»

Bei der «Sozialen Reproduktion» geht es also im Unterschied zum «Social Provisioning» nicht primär um Wohlstand, sondern um die Erhaltung menschlicher Arbeitskräfte, welche durch ihre Tätigkeiten die materielle Basis für das menschliche Leben und Überleben schaffen. Ebenso geht es um die Frage, wie die weitere Existenz (des menschlichen Lebens und der kapitalistischen Gesellschaftsformation gewährleistet (Reproduktion) ist. Im Vordergrund des Denkansatzes der «Sozialen Reproduktion» stehen nicht die Leistungsketten, die das Kaffeetrinken und damit mein Wohlergehen ermöglichen, sondern die kapitalistische Organisation der Ausbeutung und Kontrolle in jeder Phase der Kaffeeproduktion. Es geht um den Zusammenhang zwischen Macht, Produktion und sozialer Reproduktion sowie um die Widersprüche zwischen kapitalistischer Akkumulation in einer globalisierten Welt und sozialer Reproduktion. 

Ich finde diesen Ansatz wie auch den des «Social Provisioning» als Denkansätze und Fragestellungen interessant. Beides sind gesellschaftstheoretische Ansätze, die über das hinausgeht, was unter den feministisch erweiterten Analysen von Wirtschaften verstanden wird. Die Analyse des Bereichs «Care-Ökonomie» wie auch des «SuV»-Wirtschaftssektors passen in beide Ansätze hinein. 

Der Denkansatz, der dem Begriff «Soziale Reproduktion» zugrunde liegt, entspricht mehr meinen Erkenntnisinteressen als das Konzept des «Social Provisioning», weil mich die ökonomischen Verknüpfungen der Sorge- und Versorgungswirtschaft» mit dem Rest der Wirtschaft besonders interessiert. Gleichzeitig habe ich Einwände gegen die Verwendung der beiden Wörter «sozial» und «Reproduktion». «Sozial» in «Social Reproduction» bedeutet, dass die damit verbundene Arbeit nicht direkt in kapitalistischen Produktionsverhältnissen stattfindet und nicht den direkten Kapitalverwertungsprozessen (inklusive Akkumulation und Profiten) unterworfen ist, sondern anderen Verhältnissen bzw. Produktionsweisen, die patriarchal sein können oder durch andere Arbeitsverhältnisse geprägt sind, beispielsweise durch Sklaverei ähnliche, durch demokratisch organisierte gemeinwirtschaftliche Organisationsstrukturen oder durch Verhältnisse, für die wir noch keinen Begriff haben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Problematisch ist jedoch, dass in englischsprachigen Texten manchmal nicht zu unterscheiden ist, ob von «gesellschaftlichen» oder eben diesen «sozialökonomischen» Verhältnissen die Rede ist. Beides heisst im Englischen «social». Ich finde das verwirrend.

«Reproduktion»: Marx geht davon aus, dass durch die Produktion auch die Verhältnisse, die die Produktion ermöglichen, wieder reproduziert werden. Es kommt jedoch vor, dass durch die Produktion die Verhältnisse vernichtet oder destabilisiert werden, die als Voraussetzung der Produktion wichtig sind. Dabei handelt es sich um systemimmanente Widersprüche, die in der Produktion selbst liegen und durch sie verstärkt werden. Die feministisch erweiterte Analyse und Identifizierung system-immanenter Widersprüche interessiert mich am meisten an diesem Ansatz. Inwiefern gibt es solche Widersprüche auch in Bereichen der sozialen Reproduktion und nicht nur im Kapitalismus? Warum soll Care-Arbeit in nichtkapitalistischen Bereichen, in Bereichen der sozialen Ökonomie, als «Reproduktion» bezeichnet werden und nicht als «Produktion»? Das ist mir nicht klar. Auch für diesen Teil der Arbeit müsste «Produktion» verwendet werden, die ihre eigenen Produktionsverhältnisse immer wieder reproduziert – oder eben nicht. Es könnte sein, dass bestimmte Strukturen und Dynamiken der sozialen Reproduktion die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht reproduzieren, sondern untergraben. 

Die zugrunde liegenden Denkansätze der Sozialen Reproduktion gefallen mir, aber die Begriffe selbst finde ich irreführend. Immerhin lässt sich «Social Reproduction» aber leicht ins Französische und Deutsche übersetzen…

Beispiel Kaffee trinken am Morgen

Kaffee trinken am Morgen gehört für mich eindeutig zu meinen Grundbedürfnissen. Aus Sicht der VGR ist das Kaffeetrinken privater Konsum, keine Arbeit. Wenn ich einer kranken Person dabei helfe, Kaffee zu trinken, dann ist das meine Arbeit (nicht die der Person, die den Kaffee trinkt), meine Care- respektive SuV-Arbeit. Auch die Zubereitung von Kaffee ist Arbeit und eine Voraussetzung dafür, dass ich ihn trinken oder jemandem zum Trinken geben kann. Fragen zu den Begriffen:

  • Kann die Zubereitung von Kaffee für mich selbst oder für eine Person im Haushalt, die es auch selbst tun könnte, als «Care-Arbeit» gezählt werden? Oder zählt nur die Zubereitung von Kaffee für Personen, die das nicht selbst tun können und besondere Unterstützung, respektive Fürsorge brauchen? Das ist mir nicht klar. Die Kaffeezubereitung zu Hause, für wen auch immer, wird immer als «SuV-Arbeit» gezählt.
  • Wenn ich regelmässig im nahegelegenen Café meinen Morgenkaffee trinke oder einen Take-away-Kaffee vom Bahnhof mitnehme, gehört die Zubereitung des Kaffees nicht zum Bereich der «Care Ökonomie», jedoch zum Bereich der SuV-Wirtschaft, das Gastgewerbe wird zum SuV-Wirtschaftssektor gezählt. 
  • «Social Provisioning» fragt eher nach den Wertschöpfungsketten und den Arbeits- und Einkommensbedingungen bei den Kaffee-Anbauer:innen, den Handelsgesellschaften, bei Nestlé und im Einzelhandel sowie in den Haushalten. Im Fall der Schweiz müsste dabei auch davon die Rede sein, dass rund 70 Prozent (von KI übernommen aber nicht überprüft) des internationalen Handels mit Rohkaffee über Firmen in der Schweiz abgewickelt werden und die Schweiz rund zehn Prozent des internationalen Exports von geröstetem Kaffee tätigt. Die Schweiz ist eine Drehscheibe für den Kaffeehandel, was damit zu tun hat, dass die Unternehmenssteuern, insbesondere für Holdings, und die Steuern für Reiche im internationalen Vergleich niedrig sind. Das hat zur Folge, dass die öffentliche Finanzierung des Gesundheitswesens – eine klassische Care-/SuV-Branche – sehr knapp ist und die Prämien für die obligatorische Krankenkasse für Einzelpersonen sehr hoch sind.
  • Im Fall der Kaffeezubereitung fällt der Anteil von SuV-Arbeit an der gesamten Versorgung mit Kaffee in der Schweiz sehr gering aus, im Fall der Care-Arbeit noch geringer. 

Die Erzählung aus der Perspektive der «Sozialen Reproduktion» würde sich kaum von derjenigen aus der Sicht des «Social Provisioning» unterscheiden, nur dass die strukturierende Macht des globalisierten Kapitals und die Ausbeutung der in den Bereichen der Sozialen Reproduktion Tätigen stärker betont würden als die Produktion von Wohlstand und Wohlergehen. 

Die Unterschiede zusammengefasst:

Die Definition des Bereichs des Wirtschaftens ist im Fall der «Care-Ökonomie» anders als bei der «Sorge- und Versorgungswirtschaft». Diese kann als erweitertes Konzept der Care-Ökonomie gesehen werden, das statistisch klar definiert ist.

Die mit dem heterodoxen Konzept «Social Provisioning» verbundenen Betrachtungsweisen eröffnen zum Teil andere Forschungsfelder zur Care-Ökonomie oder zur Sorge- und Versorgungswirtschaft als der Denkansatz «Soziale Reproduktion». Für weiterreichende Zukunftsvisionen, wie sie die Vertreter:innen der «Caring Economy» beabsichtigen, ist die Theorie des «Social Provisioning» besser geeignet als der Ansatz der «Sozialen Reproduktion». Letzterer geht sehr stark von der Analyse aus, dass die soziale Reproduktion immer stärker von kapitalistischer Macht dominiert und strukturiert wird, während «Social Provisioning» eher als feministische Theorie der Wohlfahrt (frz.: Economie du bien-être) verstanden werden kann.

Fussnoten

Economiefeministe - Die Plattform für feministische Ökonomie

Hilf uns Economiefeministe langfristig und nachhaltig zu finanzieren!

Economiefeministe Plattform für feministische Ökonomie
Postfach
3001 Bern
CH37 0079 0016 5944 5353 8 Berner Kantonalbank

Immer gut informiert mit unserem Newsletter!

Wir halten dich auf dem Laufenden, abonniere unseren Economiefeministe Newsletter.