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Irreführende Durchschnitte: Der Indikator des Bundes zur Arbeitsbelastung und Vereinbarung von Beruf und Familie
Die Legislaturplanung des Bundesrates unter der Lupe
Mascha Madörin
Der Bundesrat hat für die Legislatur von 2023–2027 eine Jahresplanung vorgelegt und 4 Bereiche seiner Agenda definiert.
Die Leitlinien lauten: 1. Die Schweiz sichert ihren Wohlstand nachhaltig und nutzt die Chancen der Digitalisierung. 2. Die Schweiz fördert den nationalen und generationengerechten Zusammenhalt.
3. Die Schweiz sorgt für Sicherheit, setzt sich für den Frieden ein und agiert kohärent und verlässlich in der Welt. 4. Die Schweiz schützt das Klima und trägt Sorge zu den natürlichen Ressourcen.
Diese vier Themen sind in 25 Zielen aufgeteilt. Jeder Legislaturperiode werden quantitative Indikatoren zugeteilt. Dazu liefert die Bundeskanzlei eine Agenda mit Gesetzes- und Beschlussvorlagen, die der Erreichung der Zielsetzungen dienen sollen1https://www.fedlex.admin.ch/filestore/fedlex.data.admin.ch/eli/fgae/2025/82/de/pdf-a/fedlex-data-admin-ch-eli-fgae-2025-82-de-pdf-a.pdf. Das Dokument bezieht sich auf die Legislatur-Planung von 2026. In der Einleitung sind alle Ziele für die Planungsperiode von 2023-2027 dargestellt. . Ebenso gibt es dazu eine To-Do-Liste für die Departemente2Bundesbeschluss zur Legislaturperiode 2023-2027 https://www.fedlex.admin.ch/eli/fga/2024/1440/de
. Darin sind nicht nur geplante Gesetzesvorhaben enthalten, sondern auch die finanziellen Konsequenzen, soweit sie die Ebene des Bundes anbelangen. Klar, dass zu dieser Programmplanung auch noch die Volksinitiativen, Referenden und die verschiedenen Anfragen und Motionen der ParlamentarierInnen kommen. Für jedes Legislaturjahr wird eine neue Zusammensetzung aus den Indikatoren gewählt.
Im Auftrag der Bundeskanzlei liefert das Bundesamt für Statistik (BFS) quantitative Indikatoren zur Überprüfung für die generell formulierten (und nicht hinterfragten) politischen Zielsetzungen. Anhand dieser quantitativen Indikatoren wird jedes Jahr und nach Ende der Legislaturplanung3Statistisches Monitoring der Legislaturziele 2019-2023 https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/querschnittsthemen/monitoring-legislaturplanung.assetdetail.33106332.html überprüft, inwieweit und ob die Regierungsziele erreicht wurden, sich die Verhältnisse in Richtung der gewünschten Tendenz entwickeln, oder das Gegenteil eingetreten ist. Das BFS liefert zu den 25 formulierten Zielsetzungen, in denen die Regierungsaufgaben des Bundes thematisiert sind, insgesamt 170 Indikatoren, von denen für die Planungsperiode von 2023–2027 53 Indikatoren ausgewählt wurden4https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/querschnittsthemen/monitoring-legislaturplanung.html. Die Indikatoren dienen einerseits dazu, statistisch die Realität zu erfassen, die geändert werden soll. Gleichzeitig werden die Berechnungen der Indikatoren jährlich ergänzt und so entstehen schöne Zeitreihen, die darüber Auskunft geben, ob sich die Indikatoren im Lauf der Jahre in Richtung der beabsichtigten Veränderung bewegen5Siehe zum Beispiel den Schlussbericht des BFS für die Legislaturperiode 2019-2023 https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/querschnittsthemen/monitoring-legislaturplanung.assetdetail.33106332.html. In jedem Jahr werden im Rahmen der 25 Zielsetzungen andere Themen aufgenommen und Indikatoren zugeordnet.
Das Ganze ist kurz und bündig, übersichtlich, klug systematisiert und verlinkt zusammengestellt und hilft einem, schnell weitere Informationen zum Thema zu finden. Es erspart viel Aufwand, sich kundig zu machen und sich an der demokratischen Meinungsbildung zu Angelegenheiten des Bundes in der Schweiz zu beteiligen. Ich halte es für ein gutes Instrument in einer direkten Demokratie mit einem Milizparlament, das sowohl zeitlich als auch finanziell über – im Vergleich zu anderen Ländern – sehr wenige Ressourcen verfügt. Es wird an Studien und ExpertInnen-Berichten gespart. Dieses inhaltliche Koordinations- und Vernetzungssystem ist auch ein brauchbarer Ansatz für zivilgesellschaftliche Organisationen nicht nur für überlastete ParlamentarierInnen, sich einen schnellen Überblick über wichtige Fragen der Politik des Bundes zu verschaffen.
Wer sich für den politischen Zeitgeist, der besonders in Wirtschaftsfragen neoliberalen Konsensdemokratie in der Schweiz interessiert, sollte das lesen. Und wer gerne widerspricht, findet gut dargestellte, handfeste Anhaltspunkte dazu und zudem viele Fakten, die schon zusammengestellt sind und, ja klar aus feministischer Sicht, etliche Lücken aufweisen und politisch teilweise arg altväterisch sind. Aber die Systematik und die Transparenz der Argumentation können eine öffentliche Information erleichtern und faktenbasierte politische Diskussion fördern, jedenfalls über die Themen, die der Bundesrat wichtig findet. Ich habe mir ein paar Indikatoren des BFS angeschaut. Sie sind gut verlinkt mit anderen Statistiken des BFS zum Thema.
Also alles in allem ein sehr erfreuliches Instrument, welches zu wesentlich besserer Transparenz und Übersichtlichkeit der Bundesrats- und Parlamentspolitik und deren politischen Absichten führt, sei es für das Parlament selbst, sei es für eine breitere Öffentlichkeit.
Und klar: Ich bin gleichzeitig skeptisch gegenüber diesem Führungsinstrument der Bundeskanzlei. Es hat schon etwas sehr Steuerndes an sich mit den faktenbasierten Realitätsanalysen. In der Politik geht es immer auch um Definitionsmacht: um die Definitionsmacht in Sachen Diagnose als auch Handlungsmöglichkeiten. Ein Problem, das FeministInnen nur allzu gut bekannt ist.
Es gibt in der Agenda 2023—2027 Regierungsziele, die ich aus wirtschaftstheoretischen Gründen für falsch halte und solche, mit denen ich aus politischen Gründen nicht einverstanden bin. Ich denke auch, dass klarer unterschieden werden müsste zwischen sehr dringlichen Aufgaben wie beispielsweise Klimazielen, und Aufgaben, wo es um die Verbesserung der Verhältnisse geht, je nach politischen Machtverhältnissen mehr oder weniger schnell.
Mich interessieren hier in erster Linie die Indikatoren des BFS, welche dem quantitativen Monitoring der Zielsetzungen zugeordnet sind. Was genau wird da gemessen und welche Vorstellungen, worauf es ankommt, stecken dahinter? Und wie wird das Ganze eingeordnet in die gesamte Wirtschaftspolitik?
Indikator: «Die Belastung durch Erwerbsarbeit und Familienarbeit»
6Vier Indikatoren zu Ziel 11: Mann und Frau erhalten den gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit; Die Belastung durch Erwerbsarbeit und Familienarbeit ist ausgeglichener auf die Geschlechter verteilt; Die häusliche Gewalt nimmt während der Legislaturperiode 2023–2027 ab, Die Armut in der Schweiz nimmt bis Ende 2027 ab.
Das BFS schreibt zu diesem Indikator: «Die gleichberechtigte Teilhabe am Berufs- und am Familienleben gehört zu den zentralen Anliegen in der Diskussion um die Gleichstellung der Geschlechter. Um diese Gleichstellung verwirklichen zu können, müssen Männer und Frauen die gleichen Möglichkeiten haben, Berufs- und Privatleben zu vereinbaren. Dies kann unter anderem durch familienfreundliche Bedingungen begünstigt werden, wie familienergänzende Kinderbetreuung oder die Möglichkeit für beide Geschlechter, einer wirtschaftlich tragfähigen und steuerlich attraktiven Teilzeitbeschäftigung nachzugehen. Neben diesen objektiven Faktoren können die Unterschiede bei der Aufteilung zwischen bezahlter Arbeit und unbezahlter Haus- und Familienarbeit auch auf individuelle Entscheide zurückgehen.»7https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/querschnittsthemen/monitoring-legislaturplanung/indikatoren/belastung-erwerbsarbeit-familienarbeit.html
Dass dieses Ziel Teil der Bundesratspolitik sein soll, ist ein grosser Fortschritt und entspricht den Forderungen der Frauenbewegungen. Kritisch aus feministischer Sicht ist hier anzumerken, dass dieses Regierungsziel unter der Leitlinie 2 «Die Schweiz fördert den nationalen und generationengerechten Zusammenhalt» aufgelistet ist und nicht unter der Leitlinie 1 «Wohlstand». Bei der Feministischen Ökonomie geht es nicht zuletzt um eine neue Wohlstandstheorie, wäre also ein Thema der Leitlinie 1. Die unbezahlte Arbeit ist ein riesiger Teil der Nationalökonomie: Das gehört zum Credo aller Denkrichtungen in der Feministischen Ökonomie.
Abgesehen davon kommt das Wort Gerechtigkeit nur im Zusammenhang mit Generationen vor, nicht im Zusammenhang mit Geschlechterverhältnissen, jedenfalls im oben zitierten Leitsatz. Es sollen gerechtere Verhältnisse zwischen Jungen und Alten angestrebt werden, nicht aber zwischen Frauen und Männern?
Überlegungen zum Indikator des BFS
Als Indikator liefert das BFS eine Grafik zum durchschnittlichen Arbeitsaufwand von Männern und Frauen für Erwerbsarbeit und für die unbezahlte Haus- und Familienarbeit (ohne Freiwilligenarbeit). Die vom BFS bisher gelieferten Zahlen beziehen sich auf die ständige 15-64-jährige Wohnbevölkerung im Erwerbsalter der Jahre 1997, 2000, 2004, 2007, 2010, 2013, 2016, 2020, 2024).8Grafik Indikator und Erläuterungen zur Belastung durch Haus- und Familienarbeit und Erwerbsarbeit:
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/querschnittsthemen/monitoring-legislaturplanung/indikatoren/belastung-erwerbsarbeit-familienarbeit.html
Der Indikator enthält nur die Stundenzahl für unbezahlte Arbeit, welche die Befragten im eigenen Haushalt für Hausarbeit und Betreuungsarbeiten (Kinder und Kranke) verrichten, nicht aber für Freiwilligenarbeit. Ebenso fehlen die Angaben für den Arbeitsaufwand von 65+-Jährigen. Insgesamt würde die durchschnittliche Stundenzahl bei Einbezug der Freiwilligenarbeit durchschnittlich um rund 1,5 Stunde steigen. Der Einbezug der 65+Jährigen würde wegen des geringen Aufwands für Erwerbstätigkeit die Durchschnitte der gesamten Arbeitsbelastung stark senken, wäre deshalb nicht dienlich. Die Vernachlässigung dieser Daten lässt sich im Fall eines gut verständlichen Indikators zum Thema Vereinbarkeit vertreten. Zusätzliche Daten, die zum Thema des Indikators zur Verfügung stehen9https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/erwerbstaetigkeit-arbeitszeit/vereinbarkeit-unbezahlte-arbeit.html und vom BFS verlinkt sind, ermöglichen eine Differenzierung des Indikators – wie in der Folge dargestellt.
Die Frage, was sinnvollerweise zusammengezählt (aggregiert) werden kann, um Durchschnitte zu berechnen, ist nicht nur eine Frage von Ansichten und eigenen Erkenntnisinteressen, sondern auch von wirtschaftsstatistischen Überlegungen. Früher stand in der Gleichstellungspolitik sehr viel stärker die Frage im Zentrum, welchen Zugang Frauen bei der Erwerbsarbeit haben, heute die insbesondere für Frauen schwer zu realisierende Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es geht beim BFS-Indikator um die Vereinbarkeit des Zeitaufwands für die unbezahlte Haus- und Familienarbeit mit demjenigen für Erwerbsarbeit. Aus feministischer Sicht muss immer in Zeit- und Geldgrössen gedacht werden. Der Arbeitsbelastungs-Indikator des BFS und die damit verbundenen Erhebungen zeigt eine schöne Möglichkeit, dies zu tun, um der Gleichstellungfrage besser gerecht zu werden. Der BFS-Indikator soll Tendenzen im Verlauf der Zeit anzeigen. Die Frage lautet: Ist er dazu geeignet? Antwort: Nicht ganz.
Irreführende Durchschnitte?
Wie die folgenden Tabellen 1 und 2 zu den Jahren 2024 und 1997 zeigen, resultieren aus geschlechterspezifischen Durchschnitten der Arbeitsbelastung unterschiedliche Grössen und Tendenzen, wenn der BFS-Indikator im Durchschnitt von Haushalten mit und ohne Kinder separat mit den Durchschnitten gegenübergestellt wird, die sich auf die Bevölkerung aller Haushalte beziehen:
- Zum einen unterscheidet sich der geschlechterspezifische Zeitaufwand insbesondere für unbezahlte Arbeit enorm, wenn Haushalte mit oder ohne Kinder mit dem BFS-Durchschnitt verglichen werden. Das gleiche gilt für die Unterschiede zwischen Männern und Frauen (in Tabelle gelb).
- Zum andern fehlt ein Aspekt bei der Darstellung der Arbeitsbelastung: die grossen Zusatzbelastungen, die entstehen, wenn Kinder im gleichen Haushalt leben. Für Männer in einem Paarhaushalt mit Kindern von 0—6 Jahren beläuft sich die gesamte Arbeitsbelastung auf 76 Stunden (BFS: 53) pro Woche, für Frauen 80 Stunden (BFS: 56).
Ich denke, dass aus diesen zwei Gründen der Indikator zur Arbeitsbelastung vom BFS zu wenig aussagt, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Entweder bräuchte es zwei Indikatoren für Haushalte mit und ohne Kinder. Wenn es nur einer sein soll, dann wären wohl die Durchschnitte für Haushalte mit Kindern im Alter von 0—14 erhellend.
In den folgenden Statistiken sind die Jahre 1997 und 2024 des Indikators des BFS dargestellt und zum Vergleich sind die Durchschnitte für Haushalte ohne Kinder und für Paarhaushalte mit Kindern speziell ausgewählt, um sie mit dem BFS-Durchschnitt zu vergleichen.
Tab. 1 Durchschnittlicher Aufwand für Erwerbsarbeit und Haus-/Familienarbeit, BFS-Indikator verglichen mit Haushalten ohne Kinder
Stunden pro Woche, Schweiz, 2024 und 1997 (Inlandprinzip, ständige Wohnbevölkerung)
Zusammenstellung: Mascha Madörin (04.12.2025).
Quelle: BFS Erhebung Statistik: Unbezahlte Arbeit (Modul SAKE Schweizerische Arbeitskräfteerhebung), Swiss Stats Explorer aktualisiert am 16. Juni 2025. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/erwerbstaetigkeit-arbeitszeit/vereinbarkeit-unbezahlte-arbeit.html
Notiz: Die Erhebung zur unbezahlten Arbeit enthält den Arbeitsaufwand für 14 Tätigkeiten, also nicht alles, was möglicherweise Befragte als unbezahlte Arbeit einstufen. Der Arbeitsbegriff umfasst nur Tätigkeiten, die auch andere tun könnten: also beispielsweise Mahlzeiten Zubereiten, aber nicht Essen; Unterrichten, aber nicht Lernen. Beim Zeitaufwand für Erwerbsarbeit ist der Zeitaufwand für den Arbeitsweg nicht mitgezählt. Es werden wie bei der SAKE-Stichproben einzelne Personen befragt und sie dann nach Familiensituation, Alter, mit und ohne Kinder, kranke MitbewohnerInnen etc. eingeteilt. In den meisten anderen Länder mit Erhebungen zur unbezahlten Arbeit werden Stichproben von unter verschiedenen Haushaltstypen gemacht unterschiedlichen gemacht und alle Personen dieser Haushalte befragt.
Kommentar
- Die Verteilung der bezahlten und unbezahlten Arbeit ist bei den alleinlebenden Frauen und Männer ohne Kinder im Haushalt wesentlich gleichmässiger verteilt als beim BFS-Indikator. Unterschiede beim Zeitaufwand für unbezahlte Arbeit von Frauen und Männern ist gleichgeblieben in den letzten 25 Jahren – im Unterschied zum Indikator des BFS. (gelbe Zeilen bei Tab. 1) Sie sind auch weniger gross.
- Die Tendenzen für Paarhaushalte ohne Kinder sind ähnlich. Nur unterscheiden sich die Zeitbelastungen von Männern und Frauen stärker (s. gelbe Zeilen der Tabelle)
- Als ich anfangs der 2000er Jahre Ökonomie unterrichtete, fragte ich jeweils die Studierenden der Sozialen Arbeit, wie sie sich die Unterschiede bei den Arbeitsbelastungen von Männern und Frauen erklären, welche die Daten zu Alleinlebenden und Zweipersonenhaushalten ohne Kinder zeigen. Ich hatte damals die Daten für 1997 und 2000 zur Verfügung. Die Zahlen für 1997 zeigen, dass der Zeitaufwand für Frauen in einem Paarhaushalt 7 Stunden zu- und bei Männern um 1 Stunde abgenommen hat, wenn sie zusammen zu wohnen begannen. Man würde doch annehmen können, dass der Zeitaufwand für Haus- und Familienarbeit, abnehmen würde, ein Synergie-Effekt des Zusammenwohnens entsteht. Normalerweise ist dann die zu putzende Wohnfläche kleiner als vorher; Mahlzeiten zubereiten für zwei Personen braucht wohl kaum doppelt so viel Zeit wie für eine Person. Das gleiche gilt für das Waschen der Wäsche oder fürs Einkaufen. Wie also lässt sich der Mehraufwand für Hausarbeit erklären: Die Männer argumentierten, dass sie wegen der Perspektive «eine Familie zu gründen», Geld sparen müssen. Man isst öfter zu Hause als früher und braucht daher mehr Zeit, um Mahlzeiten zuzubereiten. Die Frauen argumentierten, dass sie früher als sie noch getrennt lebten, das gemeinsame Kochen als Freizeit empfunden hätten. Jetzt seit dem Zusammenleben empfinden sie das als Arbeit, weil sie das nun jeden Tag tun müssen. Weshalb diese gefühlte Pflichtarbeit bei Frauen stärker steigt als bei Männern, war jeweils Anlass für animierte Diskussionen zwischen den Studierenden.
- Diese Situation hat sich in den letzten 25 Jahre signifikant geändert. Die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen, die zu zweit in einem Haushalt leben, nimmt verglichen mit Alleinlebenden im Jahr 2024 immer noch zu, aber wesentlich weniger als 1997. Auch der gesamte Zeitaufwand für Haus- und Familienarbeit beim Zusammenziehen in eine Wohnung verändert sich kaum: für Frauen nimmt sie um 2 Stunden pro Woche zu, für Männer nimmt sie um 1 Stunde ab – wie schon 1997! Bei der Erwerbsarbeit ist es umgekehrt: sie nimmt bei Frauen leicht ab und bei Männern leicht zu.
Fazit
Der Gleichstellungstrend geht in die richtige Richtung für Alleinlebende und für zusammenlebende Paare ohne Kinder. Da hat sich seit 1997 etliches positiv verändert. Die Durchschnitte für Personen ohne Kinder im eigenen Haushalt sind wie die Tabelle zeigt weitaus positiver in Sachen Gleichstellung als die Daten, die vom BFS im Indikator ausgewiesen werden. Letzterer verdeckt deshalb die Brisanz der Arbeitsbelastung von Eltern.
Das zeigt Tabelle 2.
Tab. 2 Durchschnittlicher Aufwand für Erwerbsarbeit und Haus-/Familienarbeit, BFS-Indikator verglichen mit Familien mit Kindern
Stunden pro Woche, Schweiz (Inlandprinzip, ständige Wohnbevölkerung), 1997 und 2024
Zusammenstellung: Mascha Madörin (04.12.2025).
Quelle: BFS Erhebung Statistik: Unbezahlte Arbeit (Modul SAKE-Schweizerische Arbeitskräfteerhebung), Swiss Stats Explorer aktualisiert am 16. Juni 2025. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/erwerbstaetigkeit-arbeitszeit/vereinbarkeit-unbezahlte-arbeit.html
Notiz: s. Tabelle 1. Beim Aufwand für die Betreuung der Kinder sind die Stunden reiner Präsenzzeiten nicht mitgezählt, ebenso wenig wird Multitasking zusätzlich gezählt, wenn ich beispielsweise koche und ein Kleinkind in der Küche spielt. Die Tabelle enthält eine Auswahl von Familiensituationen. Die Altersaufteilung für die Kinder ist etwas überholt, es wäre wohl adäquater von Kindern von 0—3 Jahren zu reden. Hier sind im Unterschied zum BFS-Indikator Haushalte mit Kindern von 15—24 nicht enthalten, auch nicht der Zeitaufwand von Alleinerziehenden Eltern.
Kommentar
- Wir haben nun mal alle nur 24 Stunden pro Tag und die Frage der Arbeitszeit ist ein altes Thema, auch in der ArbeiterInnenbewegung. Mit der Tabelle wird sichtbar, dass das Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sich wesentlich um die Frage dreht, wie eine Gesellschaft das Aufwachsen von Kindern organisiert. In einem Paarhaushalt mit Kindern von 7—14 Jahren brauchen die Eltern zusammen rund 24 Stunden mehr Zeit für die Haus- und Familienarbeit als im Durchschnitt des BFS-Indikators, rätselhafterweise liegt diese Differenz für 1997 nur bei 12 Stunden. Der Aufwand ist noch grösser für Kinder im Alter von 0—6 Jahren. Zudem braucht es mehr Erwerbsarbeit: das führt insgesamt für jeden Elternteil fast zu einer 80-Stunden Wochenarbeitszeit.
- Sobald Kinder da sind, beginnen Frauen viel mehr unbezahlt und weniger bezahlt zu arbeiten. In Paarhaushalten mit Kind(ern) im Alter von 7—14 Jahren arbeiten sie unbezahlt 20 Stunden länger als Männer – in Paarhaushalten ohne Kinder 8 Stunden. Vor 25 Jahren war die Ungleichheit extremer.
Fazit
- Die Situation hat sich seit 1997 also merklich verbessert, was die ungleiche Arbeitsaufteilung zwischen Männern und Frauen mit Kindern anbelangt. Aber die Ungleichheit ist immer noch sehr gross.
- Was aber seit 25 Jahren immer noch unverändert exorbitant hoch ist, ist die gesamte Arbeitsbelastung von Eltern. Die Unterschiede bei der Arbeitsbelastung sind enorm: Alleinlebende Männer haben im Jahr 2024 insgesamt 50 Stunden pro Woche bezahlt und unbezahlt gearbeitet, in einem Zweipersonenhaushalt mit Kindern von 0-6 Jahren 76 Stunden (+52%). Im Fall von Frauen lauten die entsprechenden Zahlen 51 und 80 Stunden (+57%).
- Durchschnitte bei der Arbeitsbelastung von Haushalten mit oder ohne Kinder, wie im BFS-Indikator berechnet, verdecken die Brisanz der Arbeitsbelastung von Eltern in der Schweiz.
- Es braucht offensichtlich unterschiedliche Massnahmen für die beiden Aspekte der Unvereinbarkeiten von Beruf und Familie.
- Das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen dürfte für die Arbeitsteilung zwischen den Eltern eine wichtige Rolle spielen, weil die zur Deckung zusätzlicher Ausgaben für Kinder mit mehr Erwerbsarbeit gedeckt werden muss. Je niedriger das Erwerbseinkommen pro Stunde, desto höher der zusätzliche Erwerbsaufwand für die Deckung der Zusatzkosten von Kindern.
- Dieser zweite Aspekt des allzu stressigen Zeitaufwands für ein existenzsicherndes Erwerbseinkommen und Zeitaufwand für die Haus- und Familienarbeit, kann nur angegangen werden, wenn Eltern von aussen – sprich vom Staat entlastet werden:
- Entweder durch bezahlbare Kindertagesstätten
- Und/oder durch eine substanzielle Finanzierung der Haushalte mit Kindern. Das kann auf sehr verschiedene Arten sein und müsste genauer diskutiert werden.
Kurzum: Eine bessere Aufteilung der Arbeit zwischen Frauen und Männern ist sehr zu wünschen, aber sie ändert nichts am Problem der allzu grossen Arbeitsbelastung von Eltern.
Immer wenn ich über dieses Thema arbeite, ärgere ich mich über die Schweiz. Sie ist sehr rückständig in Sachen Arbeitsbelastung von Eltern und Vereinbarkeit von Beruf und Familie von Müttern und skandalös knauserig. Man könnte es auch Frauenfeindlichkeit nennen. Andere Länder sind wesentlich weiter und haben diesbezüglich die unterschiedlichsten Massnahmen ergriffen und Erfahrungen gemacht mit ihrer Gleichstellungspolitik. Es wäre schon längstens an der Zeit, eine Konferenz in der Schweiz zu organisieren, um mit Fachleuten und Gleichstellungspolitikerinnen aus den verschiedensten Ländern über ihre Erfahrungen mit der inzwischen Jahrzehnte alten Gleichstellungspolitik gegenüber Eltern zu diskutieren. Viele westeuropäische Länder weisen in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Mütter in Sachen Arbeitsbelastung der Personen in Haushalten mit Kindern wesentlich weniger stressige Verhältnisse auf.
Es kann in der Schweiz nicht genug betont werden, dass junge Frauen unglaublich viel unbezahlte Arbeit leisten, wenn sie Kinder haben. Wer über Generationengerechtigkeit reden will, muss auch darüber reden, damit die Indikatoren stimmen.
Mütter müssen dringend von Haus- und Familienarbeit entlastet und Eltern von der enormen Belastung durch Arbeit insgesamt. Das wird nicht wenig kosten, sollen sich die Verhältnisse substanziell verbessern. Das aber droht an dem ökonomisch falschen, konservativen, genderfeindlichen und neoliberalen Argument der fehlenden Staatsfinanzen zu scheitern, auch wenn es in vielen Hinsichten sehr vernünftig wäre. Die dazu formulierten Leitlinien lassen Böses ahnen.
P.S. Ähnliche Fragen stellen sich auch für Angehörige von Langzeitkranken. Nur braucht es dazu andere statistische Indikatoren.
Fussnoten
- 1https://www.fedlex.admin.ch/filestore/fedlex.data.admin.ch/eli/fgae/2025/82/de/pdf-a/fedlex-data-admin-ch-eli-fgae-2025-82-de-pdf-a.pdf. Das Dokument bezieht sich auf die Legislatur-Planung von 2026. In der Einleitung sind alle Ziele für die Planungsperiode von 2023-2027 dargestellt.
- 2Bundesbeschluss zur Legislaturperiode 2023-2027 https://www.fedlex.admin.ch/eli/fga/2024/1440/de
- 3Statistisches Monitoring der Legislaturziele 2019-2023 https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/querschnittsthemen/monitoring-legislaturplanung.assetdetail.33106332.html
- 4
- 5Siehe zum Beispiel den Schlussbericht des BFS für die Legislaturperiode 2019-2023 https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/querschnittsthemen/monitoring-legislaturplanung.assetdetail.33106332.html
- 6Vier Indikatoren zu Ziel 11: Mann und Frau erhalten den gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit; Die Belastung durch Erwerbsarbeit und Familienarbeit ist ausgeglichener auf die Geschlechter verteilt; Die häusliche Gewalt nimmt während der Legislaturperiode 2023–2027 ab, Die Armut in der Schweiz nimmt bis Ende 2027 ab.
- 7
- 8Grafik Indikator und Erläuterungen zur Belastung durch Haus- und Familienarbeit und Erwerbsarbeit:
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/querschnittsthemen/monitoring-legislaturplanung/indikatoren/belastung-erwerbsarbeit-familienarbeit.html - 9
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