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Rückblick auf die Jubiläumsveranstaltung von Economiefeministe
Gudrun Kaufmann
Anlässlich des fünfjährigen Bestehens von Economiefeministe und des 80. Geburtstags von Mascha Madörin kamen Ende April in Bern Ökonominnen zusammen, die die Entwicklung feministischer Ökonomik über Jahrzehnte hinweg geprägt haben. Was als Jubiläumsveranstaltung angekündigt war, entwickelte sich zu einem Abend mit bemerkenswerter politischer und theoretischer Schärfe. Im Zentrum standen Fragen, die gegenwärtig in vielen europäischen Ländern wieder an Dringlichkeit gewinnen: Sparpolitik, Care-Krise, Geschlechterungleichheit und die demokratische Auseinandersetzung über Wirtschaftspolitik.
Zu Gast waren drei Vertreterinnen der britischen Women’s Budget Group: Ruth Pearson, Diane Elson und Liz Hind. Die Beiträge der Ökonominnen behandelten Gender Budgeting, Care-Ökonomie, Statistik und die politischen Folgen von Austeritätspolitik. Dabei wurde deutlich, dass feministische Ökonomie heute weit mehr ist als eine Ergänzung bestehender Wirtschaftstheorien: Sie formuliert eigenständige makroökonomische Perspektiven und stellt grundlegende Fragen danach, wie Gesellschaften Wohlstand organisieren, messen und verteilen.
Feministische Interventionen in die Budgetpolitik
Den historischen Auftakt machte die emeritierte Professorin Ruth Pearson mit einem Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der Women’s Budget Group (WBG) im Vereinigten Königreich. Die Organisation entstand Ende der 1980er Jahre aus einem kleinen Netzwerk feministischer Ökonominnen und Aktivistinnen, das die britische Budgetpolitik aus Geschlechterperspektive analysieren wollte. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass traditionelle Fiskalpolitik Haushalte meist als geschlechtsneutrale Einheiten behandelt und dadurch reale Ungleichheiten unsichtbar macht. Beeindruckend war nicht nur die politische Ausdauer der WBG, sondern auch ihre Entwicklung: von einem ehrenamtlichen Netzwerk ohne Büro zu einem international bekannten feministischen Thinktank mit professioneller Infrastruktur und erheblicher politischer Reichweite. Pearson schilderte, wie die WBG früh begann, die jährlichen britischen Haushaltsbudgets unmittelbar nach Veröffentlichung aus feministischer Perspektive zu analysieren – und damit eine Gegenöffentlichkeit zu dominierenden wirtschaftspolitischen Deutungen schuf.
Beitragsbild: Datum Jubiläumsfeier
Mit trockenem Humor schilderte Pearson zudem die politische Instrumentalisierung feministischer Expertise: Der damalige Finanzminister John Major zeigte plötzlich Interesse an den Analysen der WBG – kurz bevor Margaret Thatcher zurücktrat und Gender Budgeting vorerst wieder von der politischen Agenda verschwand. Pearson kommentierte diese Episode mit dem Hinweis auf die «instrumentality of apparent allies». Gerade diese Bemerkung verweist auf eine Ambivalenz, die die Geschichte des Gender Budgetings bis heute begleitet. Feministische Expertise kann politische Öffnungen schaffen und neue Räume für Gleichstellungspolitik eröffnen. Zugleich besteht die Gefahr, dass Gender Budgeting technokratisch oder symbolisch eingebunden wird, ohne die grundlegenden wirtschaftspolitischen Macht- und Verteilungsverhältnisse zu verändern. Gerade in den 1990er-Jahren erwies sich Gender Budgeting teilweise als anschlussfähig an neue Formen evidenzbasierter Governance und Verwaltungsmodernisierung – auch in politischen Kontexten, die keineswegs grundsätzlich feministisch waren.
Dabei ging es der WBG jedoch nie nur um «Frauenthemen» im engen Sinn. Vielmehr zeigte sie, dass Budgetpolitik immer gesellschaftliche Machtverhältnisse organisiert: Wer profitiert von Steuersenkungen? Wer trägt die Folgen von Kürzungen? Welche Formen von Arbeit werden anerkannt – und welche unsichtbar gemacht? Pearson erinnerte daran, wie ungewöhnlich es Anfang der 1990er-Jahre war, dass feministische Ökonominnen überhaupt in fiskalpolitischen Debatten auftauchten. Als die WBG 1995 erstmals im britischen Parlament erwähnt wurde und eine geschlechterdifferenzierte Analyse der Budgetpolitik forderte, reagierte der damalige Schatzkanzler Ken Clarke mit offener Herablassung: «The hon. Lady cannot be serious.»
Pearson zeigte zudem, wie sich die Arbeit der WBG nach der Finanzkrise 2008 weiter verschob. Mit «Plan F» entwickelte die Gruppe eine explizit feministische Antwort auf die Krise und die anschliessende Austeritätspolitik. Statt Kürzungen und Sparzwängen forderte die WBG öffentliche Investitionen in soziale Infrastruktur und Care-Arbeit. Dahinter steht die These, dass Investitionen in Pflege, Bildung oder Kinderbetreuung nicht nur gesellschaftlich notwendig seien, sondern auch Beschäftigung schaffen und wirtschaftliche Stabilität fördern könnten und damit langfristig auch Kosten sparen. Spätestens während der Corona-Pandemie gewann diese Perspektive zusätzlich an Bedeutung. Die WBG plädierte nun noch deutlicher für eine «care-led recovery» und Investitionen in soziale Infrastruktur. Gleichzeitig verschwanden die politischen Widerstände keineswegs. Pearson verwies auf anhaltende Herausforderungen: prekäre Finanzierung feministischer Organisationen, die Verschärfung neoliberaler Sparpolitiken nach 2010, einen zunehmend schwierigen politischen Kontext sowie die Herausforderung, komplexe feministische Analysen überhaupt in politische Praxis zu übersetzen.
Heute gilt die WBG international als Vorbild feministischer Budgetanalyse. Gerade diese historische Perspektive machte deutlich, dass die gegenwärtigen Debatten um Care-Ökonomie, unbezahlte Arbeit und soziale Infrastruktur Ergebnis jahrzehntelanger politischer und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen sind.
Austerität als politische Entscheidung
Es ging spannend weiter mit dem Vortrag von Diane Elson. Die emeritierte Professorin und Mitbegründerin des Gender Budgeting argumentierte, dass Austerität keineswegs eine ökonomische Notwendigkeit ist, sondern eine politische Entscheidung mit klaren gesellschaftlichen Folgen. Elson analysierte die Kürzungspolitik der letzten Jahre als geschlechterpolitische Frage. Wenn Staaten Sozialleistungen abbauen, öffentliche Dienstleistungen kürzen oder Investitionen in Gesundheit, Kinderbetreuung und Pflege zurückfahren, verschwindet die notwendige Arbeit nicht einfach. Sie wird vielmehr in private Haushalte verlagert – und dort überwiegend von Frauen übernommen.
Sehr eindrücklich waren die von der WBG entwickelten Langzeitanalysen zu den Auswirkungen britischer Sparpolitik. Elson erläuterte auch die methodische Grundlage dieser Analysen. Mithilfe von Simulationsmodellen versucht die WBG abzuschätzen, wie sich Steuer- und Ausgabenkürzungen auf unterschiedliche Haushaltstypen auswirken – etwa auf Alleinerziehende, Rentner:innen oder Haushalte mit Kindern. Dadurch lässt sich sichtbar machen, dass Sparpolitik keineswegs alle gleichermassen trifft. Besonders stark betroffen seien häufig alleinstehende Mütter und einkommensschwache Haushalte.
Zugleich verwies Elson auf ein zentrales Problem feministischer Ökonomie: Die Auswirkungen von Kürzungen auf unbezahlte Arbeit lassen sich statistisch bislang nur unzureichend erfassen. Zeitverwendungsstudien würden zwar wichtige Einblicke liefern, seien aber oft nicht mit Daten zu Einkommen oder öffentlichen Dienstleistungen verknüpft. Als interessante Alternative hob sie den Schweizer BASS-Ansatz (Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien BASS) hervor, der bereits in den 1990er-Jahren versuchte, Auswirkungen öffentlicher Sparmassnahmen auf unbezahlte Arbeit sichtbar zu machen. Für die Zukunft plädierte Elson dafür, Zeitverwendungsstudien stärker mit anderen Datensätzen zu verbinden. Ergänzend schlug sie Fokusgruppen im Rahmen von community consultations vor, um Auswirkungen von Sparpolitik auch jenseits klassischer Statistik besser sichtbar zu machen.
Besonders scharf kritisierte Elson die britische «stability rule». Diese erlaubt staatliche Verschuldung für physische Infrastruktur wie Strassen oder Stromnetze, nicht jedoch für laufende Ausgaben im Bereich Gesundheit, Pflege oder Kinderbetreuung. Die WBG fordert, soziale Infrastruktur endlich als echte Investition anzuerkennen und die Fiskalregeln entsprechend zu verändern. Gerade in Zeiten neuer Sparprogramme und wachsender Militärausgaben wirkte diese Analyse hochaktuell. Mehrfach wurde deutlich, dass feministische Ökonominnen die gegenwärtige Rückkehr europäischer Austeritätspolitik mit grosser Sorge beobachten.
Wer sichtbar wird – und wer nicht
Es folgte ein unterhaltsamer Vortrag von Liz Hind über Statistik und Datenpolitik. Gleich zu Beginn verwies sie auf das englische «Doomsday Book» von 1086, das die produktiven Ressourcen Englands erfassen sollte – und mehr Schweine als Frauen dokumentierte. Der historische Verweis war pointiert, aber keineswegs nur ein Witz: Hind machte daran sichtbar, dass Daten immer Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse sind. Was statistisch erfasst wird – und was nicht –, ist politisch.
Hind bezeichnete sich als «philosopher and historian of mathematics» und verband in ihrem Vortrag historische Beispiele mit aktuellen Debatten um Statistik, Datenpolitik und künstliche Intelligenz. Gute Daten, so Hind, zeichnen sich nicht nur durch Genauigkeit aus. Sie müssen auch gesellschaftlich relevant, frei von Verzerrungen, ethisch reflektiert und politisch brauchbar sein. Vor allem aber sollten diejenigen, über die Daten erhoben werden, mitentscheiden können, wie sie erhoben und interpretiert werden. An mehreren Beispielen zeigte Hind, wie traditionelle Datenerhebungen Care-Arbeit systematisch marginalisieren. In Verkehrsstatistiken erscheinen Wege für Sorgearbeit oft lediglich unter «Sonstiges» – obwohl gerade sie einen grossen Teil alltäglicher Mobilität ausmachen. Besonders wichtig war ihr dabei die Frage demokratischer Teilhabe: Wer entscheidet eigentlich darüber, welche Daten erhoben werden? Wer definiert Kategorien? Und wer kann wirtschaftspolitische Debatten überhaupt verstehen und beeinflussen?
Hind plädierte für eine breitere statistische Bildung und für partizipative Formen der Datenerhebung. Menschen, die von politischen Entscheidungen betroffen sind, sollten auch an der Produktion und Interpretation von Daten beteiligt werden. Feministische Ökonomie erscheint hier nicht nur als Kritik an bestehenden Zahlenwerken, sondern auch als Versuch, neue Formen wirtschaftlicher Sichtbarkeit zu schaffen. Besonders eindrücklich war Hinds Plädoyer für statistische Bildung als demokratische Praxis. Um wirtschaftspolitische Debatten führen zu können, brauche es kritisches Denken, statistische Grundkenntnisse und den Mut, scheinbar objektive Zahlen infrage zu stellen. Feministische Ökonomie erscheine damit auch als Projekt demokratischer Wissensproduktion. Hind verwies darauf, dass Fragen statistischer Kompetenz und Datenmacht angesichts zunehmender Digitalisierung noch wichtiger werden – insbesondere, weil technologische Entwicklung weiterhin stark männlich dominiert ist.
Schweizer Perspektiven auf Care-Ökonomie und Demokratie
Den Bogen zur Schweiz schlug schliesslich die Ökonomin Mascha Madörin. Ihr Beitrag begann mit einer Reflexion über die Schwierigkeiten feministischer Begriffspolitik selbst. Schon zentrale Begriffe wie «Care», «soziale Reproduktion» oder «social provisioning» liessen sich nur unzureichend übersetzen und verwiesen auf unterschiedliche theoretische Traditionen feministischer Ökonomie. Gerade darin zeige sich aber auch, dass feministische Ökonomie weiterhin ein offenes, sich entwickelndes Forschungsfeld ist.
Madörins Beitrag verband wirtschaftstheoretische Überlegungen mit konkreten Erfahrungen aus der Schweizer Finanz- und Demokratiepolitik. Dabei wurde deutlich, dass die Schweiz zwar andere institutionelle Voraussetzungen als Grossbritannien besitzt, Austerität jedoch auch hier tief verankert ist. Madörin beschrieb Austerität als Teil der politischen «DNA» der Schweiz: geringe Staatsverschuldung, ein möglichst kleiner Zentralstaat und eine tief verwurzelte Skepsis gegenüber Defiziten prägen die finanzpolitische Kultur seit Jahrzehnten. Anders als in vielen anderen europäischen Ländern habe es in der Schweiz nie eine ausgeprägte keynesianische Phase gegeben.
Besonders interessant war Madörins Argument, dass die direkte Demokratie in der Schweiz neoliberale Umbauten teilweise begrenzt habe. Die Vorstellung, dass diejenigen, die Steuern zahlen, auch über öffentliche Ausgaben mitentscheiden sollen, habe eine vergleichsweise starke Doktrin der Steuerfairness hervorgebracht. Gleichzeitig eröffne die direkte Demokratie besondere Möglichkeiten für geschlechtergerechte Budgetpolitik – etwa durch Abstimmungen, Vernehmlassungen oder lokale politische Interventionen. Immer wieder kehrte Madörin zur Bedeutung unbezahlter Arbeit zurück. Deren Einbeziehung in makroökonomische Analysen bezeichnete sie als vielleicht grösste theoretische Herausforderung feministischer Ökonomie überhaupt. Es gehe dabei nicht nur um bessere Daten, sondern um eine grundlegende Erweiterung dessen, was unter «Wirtschaft» verstanden wird.
Die politische Sprengkraft des Abends zeigte sich mehrfach dann, wenn die vier Ökonominnen nicht nur einzelne politische Massnahmen kritisierten, sondern grundlegende Denkweisen der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik. Sie stellten infrage, was als «produktive» Arbeit gilt, welche Ausgaben als legitim angesehen werden und wer überhaupt mitreden darf, wenn über Budgets, Schulden und Zukunftsinvestitionen entschieden wird. Die Veranstaltung zeigte zugleich, wie gross der Gesprächsbedarf zu feministischer Ökonomie derzeit ist: Einige Inputs waren so umfangreich, dass für das geplante Podiumsgespräch keine Zeit mehr blieb. Die Diskussionen wurden deshalb beim anschliessenden Apéro mit den Anwesenden intensiv fortgeführt – ebenso wie konkrete Ideen für die weitere Zusammenarbeit zu Gender Budgeting und feministischen Statistikschulungen.
Die Jubiläumsveranstaltung von Economiefeministe war weit mehr als nur ein Rückblick auf fünf Jahre Plattformarbeit. Sie machte sichtbar, wie stark feministische Ökonomie von einer internationalen Vernetzung profitiert – und wie relevant ihre Analysen in Zeiten von Care-Krise, sozialer Ungleichheit und fortdauernder Sparpolitik geworden sind.
Weiterführende Informationen:
- https://www.wbg.org.uk/about-us/history-of-wbg/womencount.wbg.org.uk
- https://wbg.org.uk/wp-content/uploads/2018/08/Intersecting-Inequalities-October-2017-Full-Report.pdf
- https://www.wbg.org.uk/publication/rethinking-fiscal-rules-a-new-fiscal-framework-for-investing-in-social-infrastructure-and-promoting-gender-equality/
- https://www.buerobass.ch/kernbereiche/projekte/an-den-frauen-sparen-eine-untersuchung-zu-den-auswirkungen-der-sparpolitik-von-bund-kantonen-und-gemeinden-auf-die-frauen-9999/project-view (BASS Studie)
- Madörin, M. (2026). AHV statt Panzer – oder umgekehrt? (Blog) https://economiefeministe.ch/ahv-statt-panzer-oder-umgekehrt/
- Madörin, M. (2026). Feministische Ökonomie – eine Geschichte von einem halben Jahrhundert (Blog) https://economiefeministe.ch/feministische-oekonomie-eine-geschichte-von-einem-halben-jahrhundert/
- Pearson, R., & Elson, D. (2015). Transcending the Impact of the Financial Crisis in the United Kingdom: Towards Plan F – a Feminist Economic Strategy. Feminist Review, (109), 8–30. http://www.jstor.org/stable/24571872
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