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(Un)bezahlbar: Frauen arbeiten mehr.
Louisa Roos, Trinity College Dublin
Am 4. Juni 2025 hat das Bundesamt für Statistik (BFS) neue Daten zum Arbeitsvolumen in der Schweiz veröffentlicht – wichtig dabei: Auch die unbezahlte Arbeit wurde erfasst. Die Erhebung bezieht sich auf das Jahr 2024. Die letzte Erhebung zur unbezahlten Arbeit stammt aus dem Jahr 2020 – also mitten in der Corona-Pandemie – und wurde teilweise als Ausnahmejahr eingeordnet. Umso bedeutsamer sind die neuen Zahlen: Sie ermöglichen erstmals wieder einen Einblick in reguläre Arbeitsmuster nach der Pandemie.
Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Das jährliche Arbeitsvolumen ist mit rund 20,3 Mrd. Stunden so hoch wie nie zuvor – davon waren 12,2 Mrd. Stunden unbezahlt und 8,1 Mrd. Stunden bezahlt (siehe Grafik 1). Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Bevölkerung angestiegen ist. Es hat sich jedoch auch die Zusammensetzung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit verschoben, sodass der Anteil der unbezahlten Arbeit von 56 Prozent im Jahr 2020 auf 60 Prozent 2024 gestiegen ist. Allerdings wurde die Erhebungsmethodik für diese Erhebung überarbeitet. Somit ist unklar, ob tatsächlich mehr unbezahlte Arbeit geleistet oder diese lediglich präziser erfasst wurde. Bemerkenswert ist auch, dass Frauen insgesamt mehr Arbeitsstunden leisten als Männer: 7,3 Mrd. unbezahlte und 3,2 Mrd. bezahlte Stunden im Jahr 2024 – bei Männern jeweils 4,9 Mrd. bezahlte und 4,9 Mrd. unbezahlte Stunden.
Grafik 1. Jährliches Arbeitsvolumen der bezahlten und unbezahlten Arbeit
Quelle: Bundesamt für Statistik, Tabellen T 03.06.03.01, T 03.06.03.01, T 03.02.03.01.02.01, T 03.02.03.01.02.01, T 03.06.03.01 und T 03.02.03.01.02.01. Notiz: Serienbruch zwischen 2020 und 2024 aufgrund der Änderung der Erhebungsmethode.
Ein Blick auf die individuelle Ebene bestätigt die ungleiche Arbeitsverteilung: Seit dem Jahr 2016 liegt die durchschnittliche Gesamtarbeitsbelastung von Frauen über jener der Männer (siehe Grafik 2). Im Jahr 2024 arbeiteten Frauen pro Woche durchschnittlich 34 Stunden unbezahlt und 17 Stunden bezahlt – Männer hingegen 23 Stunden unbezahlt und 25 Stunden bezahlt. Die neuen Zahlen zeigen somit deutlich: Der Anstieg der weiblichen Erwerbstätigkeit ging nicht mit einer substanziellen Umverteilung unbezahlter Tätigkeiten einher.
Grafik 2. Gesamtarbeitsvolumen (bezahlt + unbezahlt) – Stunden pro Woche und Person
Ein genauer Blick auf die Art der unbezahlten Arbeit zeigt, dass die grösste Veränderung (absolute Differenz) seit 2016 bei klassischen Hausarbeiten liegt – etwa beim Kochen (siehe Grafik 3). Auch hier könnte die Umfragemethodik eine Rolle spielen. Gleichzeitig ist denkbar, dass sich durch verstärktes Homeoffice mehr Arbeit in den Haushalt verlagert hat – etwa durch die tägliche Zubereitung von Mittagessen zuhause. Zudem könnten Preissteigerungen ein verändertes Konsumverhalten bewirken, beispielsweise weniger Restaurantbesuche dafür mehr Essen zubereiten. Die einzigen Bereiche, in denen ein leichter Rückgang in Stunden zu verzeichnen ist, betreffen freiwillige Tätigkeiten1 Dazu gehören formelle Freiwilligenarbeit, zum Beispiel in Sportclubs oder in kulturellen Vereinen, und informelle Freiwilligenarbeit, etwa die Betreuung von Kindern oder Erwachsenen ausserhalb des eigenen Haushaltes. .
Grafik 3. Veränderung zwischen 2016 und 2024 (in Stunden pro Woche und Person)
Grafik 4. Geschlechterlücke bei unbezahlter Arbeit nach Altersgruppen
Grafik 5. Geschlechterlücke bei unbezahlter Arbeit nach Haushaltstyp
Grafik 6. Gesamtarbeitsbelastung nach Haushaltstyp (in Stunden/Woche/Person) – 2024
Statt Lösungen voranzutreiben, stehen sogar Rückschritte im Raum: Die FDP schlug kürzlich vor, die Elternzeit für Väter nur dann auszuweiten, wenn dafür der ohnehin knapp bemessene Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen gekürzt wird – bei gleichbleibender Elternzeit von insgesamt 16 Wochen.
Fazit: Damit Frauen in der Schweiz am bezahlten Erwerbsleben teilhaben und vom Arbeitsaufwand entlastet werden, braucht es zwei Dinge: Erstens müssen Männer ihren Anteil an der unbezahlten Arbeit deutlich erhöhen. Zweitens muss der Staat mit gezielter Unterstützung zum Beispiel in Form von bezahlbarer Kinderbetreuung, einstehen – sonst bleibt die Gesamtarbeitslast für viele Haushalte schlicht kaum tragbar.
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