Aktuelles

Veröffentlicht am: 12. Juni 2025

Zum 14. Juni 2025

«Lohndiskriminierung bekämpfen», einmal mehr steht diese und weitere Forderungen für den 14. Juni, der Tag des Frauenstreiks und Feministischen Streiks in der Schweiz, der auf die Anregung von Uhrenarbeiterinnen im Jura zurück zu führen ist. Sie waren empört, feststellen zu müssen, dass sie zehn Jahre nach Annahme des Verfassungsartikels «Gleiche Rechte für Mann und Frau» immer noch weniger Erwerbseinkommen hatten als ihre Kollegen. Dank ihrer Gewerkschaftsvertreterin, Christiane Brunner wurde der erste Frauenstreik am 14. Juni 1991 mit einer halben Million beteiligter Frauen und Feministinnen zu einer erfolgreichen Manifestation, die bis heute anhält. Mit dem aktuellen 14. Juni gilt es auch, die Verdienste von Christiane Brunner für die Rechte der Frauen zu würdigen und ihr zu gedenken – sie ist vor zwei Monaten verstorben.
Economiefeministe rückt aber auch die Sorge- und Versorgungsarbeit, die mehrheitlich von Frauen in der Regel unbezahlt und / oder schlecht bezahlt gestemmt wird, in den Blick.

Inhalt:

(Un)bezahlbar: Frauen arbeiten mehr.

Neue Daten des Bundesamtes für Statistik

«Sorge- und Versorgungswirtschaft und das Geschäftsmodell Schweiz»

Beitrag von Mascha Madörin, Rezension von Christine Rudolf

Beitragsbild: Foto von Claudio Schwarz auf Unsplash

Kategorien: News
Schlagwörter: 14. Juni 2025, Christine Rudolf, Feministischer Streik, Frauen und Arbeit, Frauenstreiktag, Mascha Madörin, Sorge- und Versorgungswirtschaft

(Un)bezahlbar: Frauen arbeiten mehr.

Louisa Roos, Trinity College Dublin

Louisa Roos hat für Economiefeministe die neuen Daten des Bundesamtes für Statistik (BFS) zum Arbeitsvolumen in der Schweiz, die am 4. Juni 2025 veröffentlicht wurden, gelesen und analysiert – wichtig dabei: Auch die unbezahlte Arbeit wurde erfasst. Die Erhebung bezieht sich auf das Jahr 2024. Die letzte Erhebung zur unbezahlten Arbeit stammt aus dem Jahr 2020 – also mitten in der Corona-Pandemie – und wurde teilweise als Ausnahmejahr eingeordnet. Umso bedeutsamer sind die neuen Zahlen: Sie ermöglichen erstmals wieder einen Einblick in reguläre Arbeitsmuster nach der Pandemie.

Die Ergebnisse sind bemerkenswert: weiterlesen

Rezension

Sorge- und Versorgungswirtschaft und das Geschäftsmodell Schweiz

Beitrag von Mascha Madörin. In: Schweizer Kapitalismus. Erfolgsmodell in der Krise, herausgegeben von Arman Spéth / Dominic Iten / Lukas Brügger. mandelbaum verlag, Wien 2025

In ihrem Beitrag hat Mascha Madörin zwei Zugänge gewählt, die sie miteinander verknüpft. Auf der einen Seite fasst sie unter der Perspektive der feministischen Makroökonomie die Arbeit der Plattform Economiefeministe der letzten drei Jahre zusammen und stellt sie auf der anderen Seite mit der ökonomischen Aufstellung der Schweiz in Verbindung. Diese herausragende Verknüpfung zweier wichtiger Aspekte der wirtschaftspolitischen und sozialpolitischen wie feministischen Situationen in einer Analyse ist einzigartig. Mascha Madörin beweist mit diesem Beitrag einmal mehr ihre herausragende ökonomische, theoretische Fähigkeit.

Schon in der Einleitung fasst Mascha Madörin ihre bisherige Analyse und Erkenntnisse wie folgt zusammen: Es gibt zwei Zugänge einer feministischen Betrachtung von Wirtschaft und Gesellschaft. Der eine beinhaltet die Aspekte Gender und Ökonomie, also das soziale Geschlecht und die ökonomischen Asymmetrien, die durch die Analyse der Geschlechterperspektive gekennzeichnet sind; der andere Aspekt zeigt durch die Rollenzuweisung die segregierte Arbeitswelt in ihrer bezahlten und unbezahlten Form. Mascha Madörin‘s Verdienst besteht in der theoretischen Fassung eines vierten und neuen Wirtschaftssektor der Sorge und Versorgungswirtschaft. Diese neue analytische Kategorie beantwortet sehr viele Fragen der feministischen Ökonomie. Sie macht klar, dass die bezahlte und unbezahlte Arbeit in der Sorge und Versorgungswirtschaft, mehrheitlich von Frauen mit einem enorm grossen Anteil an Arbeitszeit für die Gesellschaft verrichtet wird, was einerseits eine Einnahmequelle darstellt, aber andererseits die materielle Armut der Frauen besiegelt. Der Bereich der bezahlten Arbeit in der Sorge und Versorgungswirtschaft, überwiegend von Frauen geleistet, ist in der Regel staatlich oder über Umlagen finanziert. Dies bedeutet, dass in einem Land wie der Schweiz, in dem das Steueraufkommen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, insbesondere Schweden, sehr gering ist und deshalb in der Sorge- und Versorgungswirtschaft geringe Löhne bezahlt werden. Der Beitrag der unbezahlten Arbeit der Frauen ist unverändert hoch, obwohl sich das Geschlechterverhältnis in der Verteilung seit 1997 bis heute etwas verbessert hat.

Durch die Segregation des Arbeitsmarktes, wird zudem die Beschäftigung von Frauen in der bezahlten Sorge und Versorgungswirtschaft, wie oben ausgeführt, geringer entlöhnt. Dazu kommt der der geringere Beschäftigungsumfang von Frauen, hervor gerufen durch die Belastung unbezahlter Arbeit. Das Resultat: geringeres Erwerbseinkommen und armutsgefährdet. Darüber hinaus werden Sozialbeiträge in der Schweiz pro Kopf erhoben, folglich unabhängig von der Leistungsfähigkeit der Beitragszahlenden. Diese Kombination von geringem Einkommen, geringer Beschäftigung und hohen Belastungen führt zu einem materiellen Ungleichgewicht, das Machthierarchien begünstig. Gesellschaftliche Konsequenz kann die Verweigerung zusätzlicher unbezahlter Arbeit in Form von Gebären und Aufziehen von Kindern sein; zumal die öffentliche Infrastruktur und die Kosten für ausserhäusliche Betreuung von Kindern in der Schweiz grundsätzlich als zusätzliche Steuer für Familien, beziehungsweise Personen mit Kindern gewertet werden kann.

Die zweite Analyseebene von Mascha Madörin ist die Betrachtung der Bruttowertschöpfung der einzelnen Wirtschaftsbereiche, beziehungsweise Geschäftsfelder der Schweiz. Seit vielen Jahren lebt die Schweiz davon, dass sie durch unterschiedliche Praktiken externe Geldflüsse ins Land leitet, beispielsweise früher durch das Bankgeheimnis — die Schweiz als Vermögensverwalterin der Welt und heute durch so genannte Drehscheibengeschäfte. Dabei wird einen Grossteil der Bruttowertschöpfung der Schweiz durch den weltweiten Handel mit Rohstoffen mit über 900 ansässigen Firmen, sowie Pharmazieunternehmen, die im Ausland produzieren, aber ihre Gewinne in der Schweiz versteuern, generiert.

Diese Geschäftsfelder zeichnen sich durch eine geringe Zahl der Beschäftigten und einer vermeintlich hohen Produktivität aus, die aber gar nicht in der Schweiz erzielt wird, sondern über Auslandsgeschäfte funktioniert. Das führt zum einen dazu, dass die Schweiz von Globalisierungsentwicklungen, die sich düster am Horizont abzeichnen, durchaus stärker getroffen werden kann, wie das in anderen europäischen Ländern der Fall ist. Zum anderen führt diese Kombination von niedrigen Steuern und hoher Sozialbelastung von Menschen dazu, dass sich ihre Situation durch diese Generierung von Wertschöpfung nicht unbedingt verbessert. Letztlich ist fraglich, ob diese Wertschöpfung nicht nur auf dem Papier steht und die Schweiz gar nicht erreicht. Das bedeutet auf jeden Fall: Der wirtschaftliche Erfolg der Schweiz mit niedrigen Steuern als Folge, wird nicht auf alle Menschen in der Bevölkerung verteilt. Weiterhin besteht Ungleichheit zwischen denen, die in diesen Geschäftsfeldern tätig sind oder durch Vermögen sowieso ein auskömmliches Leben führen können und denen, die gesellschaftlich relevante Arbeiten leisten, seien sie bezahlt und/oder unbezahlt, werden zunehmend mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

Am Ende ihres Beitrags spricht Mascha Madörin über zwei Lösungsmöglichkeiten, die wir bei Economiefeminste ausführlich erarbeitet und diskutiert haben. Erkenntnisse aus der Modern Money Theory (Kelten 2020), die besagt, dass der Staat nicht wie ein Haushalt funktioniert: Insofern kann der Staat Geld schöpfen, in der Regel via Nationalbank. Dieses Geld kann für staatliche Zwecke genutzt werden, zum Ausbau der Infrastruktur in der Versorgung und Versorgungswirtschaft. Die zweite Möglichkeit ist die Einführung einer Finanzmarktsteuer auf Börsen und Handelsumsätzen. Beide Lösungsmöglichkeiten können durchaus als Kombination gedacht werden. Mascha Madörin zeigt auf Lösungsmöglichkeiten, die das Wirtschaftsmodell der Schweiz unberührt lässt, weil sie die Steuerfrage nicht stellt.

Christine Rudolf

Buch: Schweizer Kapitalismus. Erfolgsmodell in der Krise. Mandelbaum Verlag, Wien

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