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Wo die Frauen fehlen, gewinnt die AfD
Gudrun Kaufmann
Diesmal ein Blick ins Nachbarland: Im September fanden in Deutschland drei Wahlen auf Länderebene statt, Bezahlbarkeit spielte in Zeiten von Reformrhetorik und fortlaufendem Sozialabbau eine entscheidende Rolle, noch vor Zuwanderung. In Sachsen-Anhalt holte die AfD 43,8 Prozent und damit fast die absolute Mehrheit. In Mecklenburg-Vorpommern wurde sie mit 38,2 Prozent stärkste Kraft vor der SPD – die CDU verpasste erstmals den Landtagseinzug. In Berlin verdoppelte dagegen die Linke ihren Anteil auf 25,7 Prozent bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus; die SPD fiel auf ihr schlechtestes Ergebnis.
Auffällig ist der Gender-Gap: In Sachsen-Anhalt wählte über die Hälfte der Männer AfD, bei Frauen waren es 40 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern lag bei Frauen die SPD vorn, bei Männern die AfD. In Berlin schnitt die Linke bei Frauen rund vier Punkte stärker ab. Dieser Gender-Gap prägt das deutsche Wahlverhalten: Frauen wählen zunehmend links, Männer zunehmend rechts der Mitte, wie zum Beispiel der Soziologe Ansgar Hudde zeigt.
Man könnte annehmen: je kleiner die Gleichstellungslücke, desto schwächer die Rechte. Das Gegenteil ist jedoch oft der Fall. Die Politikwissenschaftlerin Pippa Norris und ihr Kollege Ronald Inglehart argumentieren, dass gerade rascher Fortschritt bei progressiven Werten eine Gegenreaktion auslöst, ein sogenannter «Cultural Backlash»: Ältere, weniger gebildete und tendenziell männliche Gruppen erleben Wandel als Statusverlust. Die These ist zwar umstritten, trifft aber einen wichtigen Punkt: Nationale Gleichstellungswerte verdecken regionale Unterschiede und Verwerfungen. Seit den 1990er-Jahren verlassen überproportional viele junge, gut ausgebildete Frauen die strukturschwachen ländlichen Regionen Ostdeutschlands; in manchen Landkreisen kommen auf 100 Frauen 136 Männer. Die Soziologin Katja Salomo findet eine Korrelation zwischen diesem Männerüberhang, Überalterung, Kindermangel und einem Gefühl relativer Benachteiligung, das mit fremdenfeindlichen Einstellungen einhergeht. Wo die demografische Erosion am stärksten ist, ist auch die AfD am stärksten.
Zu diesem Befund passt der Vorschlag von Feline Tecklenburg, Liska Beulshausen und Amelie Fischer von «Wirtschaft ist Care», das vielversprechende Konzept der «antifaschistischen Wirtschaftspolitik» von Isabella Weber zu ergänzen: Preise stabilisieren und Löhne erhöhen sollte mit einer guten Care-Infrastruktur, Ausbildungsplätzen und Dienstleistungsjobs vor Ort kombiniert werden – also mit genau den Faktoren, die junge Frauen zum Bleiben bräuchten. Antifaschistische Wirtschaftspolitik heisst dann aus feministischer Sicht zu fragen, wer vor Ort eine Zukunft sieht – und wer nicht.
Beitragsbild: Mit ChatGPT generiert
Quellen
Hudde, A. (2025, April). Die Polarisierung der Geschlechter: Der moderne Gender-Gap im Wahlverhalten bis 2025. Friedrich-Ebert-Stiftung. https://library.fes.de/pdf-files/a-p-b/22027.pdf
Morsa, K. (2026). Soziologin über Ostdeutschland: „Frauen, die leiden, stimmen mit den Füßen ab“ [Interview mit K. Salomo]. Der Freitag. https://www.freitag.de/autoren/kallemorsa/katja-salomo-ueber-ostdeutschland-frauen-die-leiden-stimmen-mit-den-fuessen-ab
Norris, P., & Inglehart, R. (2019). Cultural Backlash: Trump, Brexit, and Authoritarian Populism. Cambridge University Press.
NZZ. (2024). Im Osten Deutschlands fehlen die Frauen. Welche Folgen hat das? https://www.nzz.ch/gesellschaft/im-osten-deutschlands-fehlen-die-frauen-welche-folgen-hat-das-ld.1778906
Tagesspiegel. (2026). AfD mobilisiert Nichtwähler: Und fast zwei Drittel der Arbeiter in Sachsen-Anhalt wählen AfD. https://www.tagesspiegel.de/politik/afd-mobilisiert-nichtwahler-und-fast-zwei-drittel-der-arbeiter-in-sachsen-anhalt-wahlen-afd-16023910.html
taz. (2026). Berlin und Mecklenburg-Vorpommern: Fünf Lehren aus den Wahlen. https://taz.de/Berlin-und-Mecklenburg-Vorpommern/!6214911/
Tecklenburg, F., Beulshausen, L., & Fischer, A. (2026, 1. Juni). Für eine care-zentrierte, antifaschistische Wirtschaftspolitik. Surplus Magazin. https://www.surplusmagazin.de/care-zentrierte-antifaschistische-wirtschaftspolitik-versorgung-mitbestimmung/
Weber, I. (2026 [erscheint am 13.10.2026]). Antifaschistische Wirtschaftspolitik. Suhrkamp.
ZDFheute. (2026). So haben Jung, Alt, Männer und Frauen in Berlin gewählt. https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/wahl-berlin-wahlverhalten-alter-geschlecht-bildung-100.html
ZDFheute. (2026). Woher kommt der Erfolg der Linken? Alle Grafiken zur Wahl in Berlin. https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/wahl-berlin-2026-alle-ergebnisse-grafiken-102.html
ZDFheute. (2026). Wahlverhalten in Mecklenburg-Vorpommern nach Alter und Geschlecht. https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/landtagswahl-mecklenburg-vorpommern-wahlverhalten-alter-geschlecht-100.html
ZDFheute. (2026). Womit konnten SPD und AfD punkten? Wichtige Wahlthemen in Mecklenburg-Vorpommern. https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/landtagswahl-mecklenburg-vorpommern-wahlthemen-spd-afd-100.html
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