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Veröffentlicht am: 22. September 2026

Care ins Zentrum: Wirtschaft neu denken

Bericht der Summer School

Jana Kaufmann

Eine Woche in Chandolin, umgeben von der Walliser Bergwelt, mit Blick Richtung Matterhorn, strahlendem Sommerwetter und fantastischem Essen – Die Rahmenbedingungen für die diesjährige Rethinking Economics Switzerland (www.swissrethinkeconomics.org) Summer School (RESUSO, resuso.ch) hätten kaum schöner sein können. Vor allem aber war es eine Woche voller Begegnungen, Diskussionen und neuer Perspektiven. Vom 8. bis 15. August 2026 kamen in Chandolin über 100 Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammen: Studierende, Forschende und Aktivist:innen aus der Ökonomie, den Sozialwissenschaften und weiteren Disziplinen trafen aufeinander, verbunden durch das gemeinsame Interesse, den wirtschaftlichen Status quo kritisch zu hinterfragen und an Alternativen zu arbeiten. 

Entsprechend gross war die Freude, als Economiefeministe eingeladen wurde, mit einem eigenen Workshop zum Programm der Summer School beizutragen. So machten sich Gudrun Kaufmann, Agata Zielniewicz, Jana Kaufmann und Danielle Axelroud von Economiefeministe auf den Weg nach Chandolin, wo sie nicht nur ihren Workshop gestalten, sondern auch die gesamte Woche als Teilnehmerinnen miterleben durften.

Beitragsbild: Chandolin. By Christian Sanzey – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1564833

Kategorien: News
Schlagwörter: Care Economy, Care-Arbeit, Chandolin, Economiefeministe, Feministische Ökonomie, Gender Responsive Budgeting, Jana Kaufmann, öffentliche Budgets, RESUSO, Rethinking Economics Switzerland, Sorge- und Versorgungsarbeit

Wirtschaft aus vielen Perspektiven

Im Zentrum der diesjährigen Summer School stand das Thema Creating a Care-Centered Economy (eine sorge- und versorgungszentrierte Wirtschaft gestalten). Ausgangspunkt war die Frage, wie dominante ökonomische Strukturen immer wieder reproduziert werden und was es bedeuten würde, ihnen eine Wirtschaftsweise entgegenzustellen, in der Sorge- und Versorgungsarbeit nicht als private oder kostenlose Ressource am Rand behandelt wird, sondern als organisierendes Prinzip im Zentrum steht. Oder, wie es die Organisator:innen (Institut für Transfomration und Wirtschaftsstudien, intrawi.ch/de) formulierten: Wie können wir gemeinsam die Handlungsmacht entwickeln, unsere Wirtschaft so zu reorganisieren, dass sie Menschen, Gemeinschaften und Ökosysteme erhält?

Das Thema der Woche lag zwar ausgesprochen nahe an der Arbeit von Economiefeministe, gleichzeitig war jedoch gerade die Vielfalt der Perspektiven sehr bereichernd. So wurde eine Care-Ökonomie nicht nur aus Sicht der feministischen Ökonomie diskutiert, sondern aus unterschiedlichen Strömungen der heterodoxen Ökonomie und verschiedenen Vorstellungen davon, wie Alternativen zum gegenwärtigen Wirtschaftssystem aussehen könnten. In den vielen Gesprächen wurde immer wieder deutlich, wie eng Fragen der Sorge und Versorgung mit Themen der öffentlichen Infrastruktur, gesellschaftlicher Organisierung, sozialer Reproduktion, postkolonialem Kapitalismus, Klima und ökologischer Transformation verbunden sind und wie essenziell es ist, diese Debatten zusammenzudenken.

Dabei bestand die Woche keineswegs nur aus inhaltlichen Beiträgen. Workshops und Initiativen der Teilnehmenden, Gruppenarbeiten, Spaziergänge, Sport, selbstorganisierte Räume und gemeinsame Mahlzeiten gehörten ebenso zum Programm. Gerade diese Mischung schuf viel Raum für informellen Austausch, für Gespräche, die manchmal bis spät abends noch lange nicht abgeschlossen waren.

Workshop zu Gender-Responsive Budgeting

Die Arbeit von Economiefeministe konnte mit dem eigenen Beitrag unmittelbar an das Leitthema der Summer School angeknüpft werden. Agata Zielniewicz und Gudrun Kaufmann leiteten den Workshop Gender-Responsive Budgeting on the Rise: From Feminist Macroeconomics to Strategic Budget Management (Geschlechtergerechte Budgetplanung auf dem Vormarsch: Von der feministischen Makroökonomie zum strategischen Management öffentlicher Budgets). Im Zentrum stand die Frage, wie sich die Erkenntnisse feministischer Ökonomie in ein sehr konkretes Feld politischer Entscheidungen übersetzen lassen: den öffentlichen Budgets.

Ausgangspunkt war die systematische Unsichtbarkeit von unbezahlter Sorge- und Versorgungsarbeit in der konventionellen ökonomischen Betrachtung. Obwohl unsere Wirtschaft ohne diese Arbeit, die vorwiegend von Frauen geleistet wird, nicht funktionieren könnte, erscheint sie in zentralen ökonomischen Kennzahlen kaum (Coffey et al., 2020; De Henau & Himmelweit, 2021; ILO & UN Women, 2022).

Anhand des Eisbergmodells waren die Teilnehmenden eingeladen, diese Unsichtbarkeit auf den eigenen Alltag zu übertragen und zu reflektieren, welche (bezahlten und unbezahlten) Tätigkeiten ihren Alltag prägen und welcher Teil davon in der konventionellen Wirtschaftsbetrachtung überhaupt sichtbar wird.

Welche Folgen diese Unsichtbarkeit auf gesamtwirtschaftlicher Ebene haben kann, zeigt sich besonders deutlich in Zeiten von Austerität: Werden öffentliche Leistungen in Betreuung, Pflege oder anderen Bereichen gekürzt, verschwindet die notwendige Arbeit nicht. Sie wird vielmehr zurück in private Haushalte verlagert und dort weiterhin überproportional von Frauen übernommen (Karamessini & Rubery, 2014).

Von dieser makroökonomischen Perspektive führte der Workshop zu Gender-Responsive Budgeting (GRB) als konkretem Instrument. Dabei ging es uns auch darum, mit einigen hartnäckigen Missverständnissen aufzuräumen: GRB bedeutet weder ein separates „Frauenbudget“, noch jeden Franken zu gleichen Teilen an Frauen und Männer zu verteilen. Vielmehr nimmt GRB den gesamten öffentlichen Haushalt in den Blick und fragt, welche Auswirkungen staatliche Einnahmen und Ausgaben auf die tatsächlichen Lebensrealitäten unterschiedlicher Menschen haben (EIGE, 2020; Frey, 2010).

Ein besonderer Schwerpunkt wurde im Workshop auf die Verbindung zwischen Analyse und Praxis gelegt. An Beispielen aus Österreich und der Schweiz diskutierten wir unterschiedliche institutionelle Wege des GRB und die Grenzen einer rein formalen Umsetzung. Anschliessend beschäftigten wir uns mit konkreten Instrumenten der öffentlichen Finanzsteuerung.

Bei all den Möglichkeiten, die GRB als Instrument bietet, ist jedoch auch wichtig anzumerken, dass es keineswegs als Allheilmittel verstanden werden kann. GRB bewegt sich weiterhin innerhalb bestehender staatlicher und finanzpolitischer Strukturen und kann die grundlegenden, strukturellen Probleme unseres Wirtschaftssystems nicht allein lösen. Die Stärke von GRG liegt jedoch in seinem praktischen Potenzial: Es setzt bei Instrumenten, Daten und Statistiken an, die bereits vorhanden sind, und nutzt sie, um andere Fragen zu stellen: Wer profitiert von öffentlichen Ausgaben? Wer trägt die Kosten von Kürzungen? Welche Arbeit bleibt in den bestehenden Kennzahlen unsichtbar?

Damit schafft GRB eine Verbindung zwischen der grundlegenden feministischen Kritik daran, was unsere Wirtschaft überhaupt als wertvoll und produktiv anerkennt, und den ganz konkreten Entscheidungen darüber, wofür öffentliche Mittel eingesetzt werden. Wenn eine sorge- und versorgungszentrierte Wirtschaft mehr sein soll als eine Vision, müssen sich ihre Prioritäten letztlich auch dort zeigen, wo gesellschaftliche Entscheidungen ganz konkret werden: im Budget.

Für Economiefeministe war dieser Workshop aus einem weiteren Grund besonders spannend: Wir möchten unser Angebot im Bereich Gender-Responsive Budgeting weiter ausbauen. Die RESUSO bot uns die Gelegenheit, Inhalte und Vermittlungsformen mit einem ausgesprochen interessierten und fachlich diversen Publikum zu erproben und herauszufinden, welche Fragen, Diskussionen und auch Widerstände die verschiedenen Themen auslösen.

Umso mehr haben wir uns darüber gefreut, dass so viele Teilnehmende den Workshop besuchten. Die engagierten Diskussionen und unterschiedlichen Perspektiven waren nicht nur für den Workshop selbst eine Bereicherung, sondern geben uns auch wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung unseres Angebots.

Wir verliessen Chandolin nach einer intensiven und inspirierenden Woche mit vielen neuen Denkanstössen, wertvollen Begegnungen und Gesprächen, die hoffentlich noch lange über die Summer School hinaus weiterwirken. Ein grosses Dankeschön gilt dem gesamten RESUSO-Team, das diese besondere Woche mit viel Engagement möglich gemacht hat, ebenso wie allen Teilnehmenden und Mitwirkenden, die sie mit ihren Perspektiven, Fragen und Ideen geprägt haben. Wir freuen uns darauf, einige der angestossenen Diskussionen weiterzuführen und die Impulse aus Chandolin in unsere Arbeit bei Economiefeministe mitzunehmen.

Literatur

Coffey, C., Espinoza Revollo, P., Harvey, R., Lawson, M., Parvez Butt, A., Piaget, K., Sarosi, D., & Thekkudan, J. (2020). Time to Care: Unpaid and underpaid care work and the global inequality crisis. Oxfam.

De Henau, J., Himmelweit, S., Łapniewska, Z., & Perrons, D. (2016). Investing in the Care Economy: A Gender Analysis of Employment Stimulus in Seven OECD Countries.

EIGE. (2020). Gender budgeting: Step‑by‑step toolkit: guidance for mainstreaming gender into the EU funds. European Institute of Gender Equality. https://data.europa.eu/doi/10.2839/66075

Frey, R. (2010). Gender Budgeting als geschlechterpolitische Strategie. In Internationale Politik und Gesellschaft (Bd. 2, S. 35–47). https://library.fes.de/pdf-files/ipg/ipg-2010-2/04_a_frey_d.pdf

ILO & UN Women. (2022). A Toolkit on Paid and Unpaid Care Work: From 3Rs to 5Rs. New York: UN Women.

Karamessini, M. & Rubery, J. (2014). Women and Austerity. The economic crisis and the future for gender equality, Routledge.

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