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••• Faktenblatt zu Unbezahlte Arbeit in der Landwirtschaft

Unbezahlte Arbeit in der Landwirtschaft

Autorinnen: Jana Kaufmann & Antonia Hebbeker

Dieses Faktenblatt entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen Economiefeministe und dem Modul «Pathways for Transformation – Student Project» des Masterprogramms «Sustainability Transformations»1 https://www.cde.unibe.ch/studies/master_in_sustainability_transformations/index_eng.html an der Universität Bern. Im Fokus standen die Unsichtbarkeit und Unterbewertung unbezahlter Arbeit in der Schweizer Landwirtschaft. Ziele des Projekts waren die Entwicklung einer Vision für mehr Geschlechtergleichstellung und die Anerkennung unbezahlter Arbeit in diesem Kontext sowie die Identifikation möglicher Pfade zu deren Umsetzung. Dies erfolgte unter Einbezug relevanter Stakeholder aus verschiedenen Ebenen. Economiefeministe begleitete das studentische Projekt fachlich und beratend. Das vorliegende Faktenblatt fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.

Unbezahlte Arbeit als strukturelles Problem – auch in der Schweizer Landwirtschaft

Die Konzentration von Reichtum und Macht sowie die systematische Unsichtbarkeit unbezahlter Arbeit sind zentrale Merkmale gegenwärtiger Wirtschaftssysteme (z.B. Coffey et al., 2020; ILO, 2018; Madörin, 2010). Aus einer Perspektive der sozialen Reproduktion wird deutlich, dass unbezahlte, reproduktive Arbeit eine grundlegende Voraussetzung für wirtschaftliche Produktion darstellt, jedoch in dominanten ökonomischen Kennzahlen wie dem BIP weitgehend unberücksichtigt bleibt (Bhattacharya & Vogel, 2017; Madörin, 2010; Stiglitz et al., 2009).
Die strukturelle Unterbewertung unbezahlter Arbeit führt dazu, dass ökonomische Systeme effizienter erscheinen als sie tatsächlich sind, während zentrale soziale und geschlechtsspezifische Kosten externalisiert werden (Madörin, 2010; OECD, 2018). Diese Kosten umfassen unter anderem eingeschränkte Zeit für Bildung und Erwerbsarbeit (Ferrant et al., 2014), begrenzten Zugang zu sozialer Absicherung sowie ein erhöhtes Armutsrisiko, insbesondere mit steigendem Alter (FAO, 2023; ILO, 2018), und gehen zudem mit erhöhtem psychischem Stress und einer geringeren Lebensqualität einher (Seedat & Rondon, 2021). Da unbezahlte Arbeit grösstenteils von Frauen geleistet wird, sind sie von diesen Auswirkungen überproportional betroffen (ILO, 2018). Somit kann unbezahlte Arbeit als zentraler Mechanismus verstanden werden, der bestehende Ungleichheitsverhältnisse zwischen den Geschlechtern stabilisiert und reproduziert.

Faktenblatt

Unbezahlte Arbeit in der Landwirtschaft

Faktenblatt: Unbezahlte Arbeit in der Landwirtschaft Autorinnen: Jana Kaufmann & Antonia Hebbeker

Unbezahlte Arbeit in der Landwirtschaft

Von Jana Kaufmann & Antonia Hebbeker

Diese Problematik zeigt sich nicht nur abstrakt, sondern konkret in einzelnen Wirtschaftssektoren. So veranschaulicht auch der Schweizer Landwirtschaftssektor dieses bestehende, strukturelle soziale Ungleichgewicht:
Obwohl die Schweiz ein Land mit hohem Einkommen sowie solidem Arbeitsrecht und Sozialschutzsystem ist, weist ihr Landwirtschaftsmodell weiterhin viele der gleichen geschlechtsspezifischen Muster auf, die auch anderswo zu finden sind. Die Schweizer Landwirtschaft wird von familiengeführten Kleinbetrieben dominiert, in denen die Grenzen zwischen produktiver und reproduktiver Arbeit verschwimmen. Männer übernehmen in den meisten Fällen die formelle Rolle des Betriebsleiters, während Frauen die betriebliche Mitarbeit, die Haushaltsführung und die Betreuungsarbeit miteinander verbinden (Contzen & Crettaz, 2019; Contzen & Forney, 2017; Moser & Saner, 2022). Obwohl immer mehr junge Frauen die Betriebsleitung übernehmen und sich die soziale Absicherung für Frauen in der Landwirtschaft in den letzten Jahren erheblich verbessert hat (Moser & Saner, 2022), bestehen strukturelle Ungleichheiten weiterhin: Derzeit arbeiten rund 41’000 familienangehörige Frauen in Schweizer Landwirtschaftsbetrieben (BFS, 2026), davon je nach Quelle rund ein Drittel (Moser & Saner, 2022) bis fast die Hälfte unentgeltlich (BFH, 2025). Laut offizieller Statistik werden nur 7,7 % der Betriebe formell von Frauen als alleinige Betriebsleiterinnen geführt (BFS, 2026; Moser & Saner, 2022). Zudem leiten Frauen tendenziell eher kleinere Betriebe (BFS, 2026). Rund ein Viertel gibt in einer Studie an, zusammen mit ihrem Mann oder dem/der Partner:in als Mitbewirtschafterin des Betriebes angemeldet zu sein (Moser & Saner, 2022).
Schliesslich wird betont, dass viele Familienbetriebe ohne die unbezahlte Arbeit der Frauen wirtschaftlich nicht überlebensfähig wären (BFH, 2025; BFS, 2026). Zudem wird argumentiert, dass Landwirtinnen keine eigene Lobby haben und sich von den traditionellen Bauernverbänden nicht vertreten fühlen (BFH, 2025).
Ökonomisch bedeutet dies, dass ein erheblicher Teil der für die landwirtschaftliche Produktion notwendigen Arbeit weder in Wertschöpfungs- noch in Verteilungsmechanismen eingeht. Insbesondere unbezahlte Care-, Haushalts- und betriebsunterstützende Tätigkeiten bleiben weitgehend unsichtbar, obwohl sie eine zentrale Voraussetzung für das Funktionieren familiengeführter Landwirtschaftsbetriebe darstellen. Gleichzeitig werden auch ökologische Belastungen wie Treibhausgasemissionen, Biodiversitätsverluste oder Wasserknappheit nur unzureichend in Preisen berücksichtigt und damit auf Gesellschaft und zukünftige Generationen ausgelagert. Der Klimawandel verschärft diese Dynamiken zusätzlich, indem er neben landwirtschaftlichen Ressourcen und Erträgen (FAO – SOFA, 2024; Tendall & Gaillard, 2015) auch den Bedarf an Care- und emotionaler Arbeit erhöht und bestehende soziale Ungleichheiten weiter verstärken kann (Jones-Renaud et al., 2025).
Diese verflochtenen sozialen und ökologischen Dynamiken führen zu einem verzerrten Verständnis von Produktivität und Effizienz, da sowohl die tatsächlichen Kosten als auch das Ausmass der unsichtbaren Arbeit zur Aufrechterhaltung von Ernährungssystemen systematisch ausgeblendet werden (FAO – SOFA, 2024). Unbezahlte Arbeit kann in diesem Zusammenhang als implizite Subvention des Agrarsystems verstanden werden.
Die damit verbundenen Folgen zeigen sich auch in der Lebensrealität vieler Frauen in Schweizer Landwirtschaftsbetrieben: Sie sind häufig mit finanzieller Abhängigkeit, fehlender Altersvorsorge, eingeschränkter Selbstbestimmung und einer geringen Beteiligung an Entscheidungsprozessen konfrontiert (FAO, 2023; ILO, 2018).

Aktuelle Entwicklungen

Trotz dieser weiterhin bestehenden Ungleichheiten lassen sich auf internationaler wie nationaler Ebene zunehmend Bemühungen erkennen, unbezahlte Arbeit sichtbarer zu machen und die soziale Absicherung von Frauen in der Landwirtschaft zu stärken.
So wird Geschlechtergleichstellung mit der Agenda 2030 und den Sustainable Development Goals (SDGs) auf internationaler Ebene adressiert und als zentrale Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung anerkannt. Insbesondere Ziel 5.4 fordert die Anerkennung und Aufwertung unbezahlter Care- und Hausarbeit durch geeignete politische und institutionelle Massnahmen (United Nations, 2015). Die wachsende politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit für die beschriebene Problemlage zeigt sich unter anderem darin, dass die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) das Jahr 2026 zum International Year of the Woman Farmer erklärt hat. Damit soll die zentrale Rolle von Frauen entlang der gesamten Agrar- und Ernährungssysteme sichtbarer gemacht und bestehende geschlechtsspezifische Ungleichheiten beleuchtet werden (FAO, 2026).
Auch im Schweizer Agrarsektor lassen sich in den letzten Jahren vermehrt positive Entwicklungen beobachten, insbesondere in der sozialen Absicherung. Gemäss einem Bericht des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) zu einer Längsschnittstudie aus dem Jahr 2022 mit Daten von 778 befragten Frauen in der Landwirtschaft, ging der Anteil der Frauen ohne eigene Vorsorge zwischen 2012 und 2022 deutlich zurück, und zwar von 12% auf 4%. Ausserdem verfügen 2022 44% der Frauen individuelle Absicherungssysteme wie die dritte Säule, verglichen mit 20% zehn Jahre zuvor. Diese Entwicklung wird auf ein wachsendes Bewusstsein für finanzielle Unabhängigkeit und Altersvorsorge, sowie die Förderung von Aus- und Weiterbildungsangeboten zurückgeführt. Allerdings gingen auch 53% der befragten Frauen beim letzten Messzeitpunkt einer Ausserbetrieblichen Tätigkeit nach (Moser & Saner, 2022). Damit bleibt offen, inwiefern diese verbesserte Absicherung tatsächlich auf eine stärkere institutionelle Anerkennung der Arbeit innerhalb der Landwirtschaft zurückzuführen ist, oder ob sie primär durch ausserbetriebliche Erwerbstätigkeit ermöglicht wird. Letzteres würde darauf hindeuten, dass strukturelle Ungleichheiten weiterhin bestehen und teilweise durch externe Einkommensquellen kompensiert werden, während das Risiko für Doppel- oder Mehrfachbelastung weiter steigt (Fankhauser et al., 2014; Jurt & Häberli, 2018).
Gleichzeitig gewinnen nationale politische Ansätze zur strukturellen Verbesserung der sozialen Absicherung im Agrarsektor an Bedeutung. Ein zentraler Bezugspunkt ist dabei die Agrarpolitik (AP22+), in deren Rahmen bereits wichtige Schritte unternommen wurden: So wird ab 2027 ein obligatorischer persönlicher Versicherungsschutz für mitarbeitende Ehepartner:innen auf landwirtschaftlichen Betrieben eingeführt (Schweizerische Eidgenossenschaft, 2020). Diese Regelungen werden im Rahmen der Agrarpolitik 2030+ (AP30+) des Bundesrats derzeit noch weiter ausgebaut (Schweizerische Eidgenossenschaft, 2025). Parallel dazu setzen sich Organisationen wie der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV) seit Jahren für die rechtliche und wirtschaftliche Stärkung von Frauen in der Landwirtschaft ein, etwa im Kontext der sozialen Absicherung und Sichtbarkeit ihrer Arbeit (SBLV, 2025a, 2025b).
Auch auf sozialer und bildungspolitischer Ebene lassen sich Veränderungen beobachten, etwa durch Reformen in der landwirtschaftlichen Ausbildung (Agri-Job, 2024) oder eine mit dem Generationenwechsel steigende Zahl von Frauen in betriebsleitenden Positionen (BFS, 2026; Moser & Saner, 2022). Ergänzend dazu werden auf ökonomischer Ebene vermehrt Daten zu unbezahlter Arbeit erhoben, beispielsweise durch Satellitenkonti (BFS, 2022, 2025), was einen wichtigen Schritt in Richtung Sichtbarmachung darstellt.

Trotz dieser positiven Entwicklungen verdeutlicht der Gender Snapshot 2025, dass die bisherigen Fortschritte global insgesamt nicht ausreichen, um bestehende geschlechtsspezifische Ungleichheiten strukturell zu überwinden (United Nations Women, 2025). Es besteht weiterhin ein erheblicher Bedarf an verstärktem und langfristigem Engagement, insbesondere im Hinblick auf die systematische Anerkennung und Integration unbezahlter Arbeit in ökonomischen Strukturen. Im Schweizer Kontext eröffnen Initiativen wie beispielsweise die erwähnte Ausarbeitung der Agrarpolitik (AP30+) dafür neue Chancen. Entscheidend ist, die unterschiedlichen Anliegen und Bedürfnisse relevanter Stakeholder in diese Prozesse einzubeziehen, da ihre Stimmen und Impulse massgeblich für notwendige Transformationen sind. Eine gemeinsame Vision erweitert nicht nur den Blick auf das Schweizer Landwirtschaftssystem und den darin bestehenden Herausforderungen, sondern stärkt eine gemeinsame Grundlage für konkrete und tragfähige Veränderungen.
Die bestehende Diskrepanz zwischen politischen Zielsetzungen und ihrer tatsächlichen Wirkung macht zudem deutlich, dass es stärker integrierte und transformative Ansätze braucht, die über sektorale Einzelmassnahmen hinausgehen und die grundlegenden ökonomischen Logiken des Systems in den Blick nehmen.

Langfristiges Engagement stärken

Die eben beschriebenen Entwicklungen unterstreichen die Notwendigkeit eines verstärkten und langfristigen Engagements sowie von Ansätzen, die über abstrakte Zielsetzungen hinausgehen und konkrete Veränderungsprozesse ermöglichen. Geteilte Visionen können hierbei eine wichtige Rolle spielen: Sie formulieren gemeinsam getragene Zukunftsbilder und dienen als Orientierung für Transformationsprozesse. Insbesondere wenn sie durch einen partizipativen Prozess entstehen, können Visionen dazu beitragen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen, Handlungsspielräume aufzuzeigen und die Eigenverantwortung relevanter Akteur:innen zu stärken (Wiek & Iwaniec, 2014). Vor diesem Hintergrund wurden im Rahmen des studentischen Projekts basierend auf bestehender Literatur und in semi-strukturierten Interviews gemeinsam mit jeweils einer Vertreterin zentraler Stakeholdergruppen eine Vision entwickelt und konkrete Umsetzungspfade identifiziert. Einbezogen wurden dabei Akteurinnen aus Verbänden von Frauen in der Landwirtschaft, landwirtschaftlichen Betrieben, Bildungsinstitutionen, NGOs sowie den Medien (N = 5).
Der Prozess orientierte sich an dem Participatory Backcasting Framework nach Quist (2013), das die Entwicklung gemeinsamer Zukunftsvisionen mit der Identifikation konkreter Handlungsmöglichkeiten verbindet: Ausgangspunkt bildeten die von den Interviewpartnerinnen wahrgenommenen Problemstellungen im Zusammenhang mit unbezahlter Arbeit in der Landwirtschaft. Darauf aufbauend formulierten sie eine wünschenswerte Zukunftsvision und leiteten mögliche Handlungsansätze ab. Die Beiträge wurden gesammelt, gebündelt und iterativ in ein gemeinsames Visionsdokument integriert, wobei Ergänzungen, Anpassungen oder Streichungen jederzeit möglich waren. Ziel war es, eine möglichst breit abgestützte gemeinsame Perspektive zu entwickeln. Die identifizierten Problemfelder wurden dabei vier Dimensionen zugeordnet – ökonomisch, sozial/kulturell, politisch und ökologisch – und mit entsprechenden Transformationspfaden verknüpft. Nach Abschluss des Prozesses wurde das Einverständnis aller Beteiligten eingeholt und es bestand die Möglichkeit für abschliessende Anpassungen.
Die folgenden Abschnitte bieten ausgewählte Einblicke in zentrale Erkenntnisse dieses Prozesses, mit besonderem Fokus auf die ökonomische Dimension.

Einblicke und Erkenntnisse aus dem studentischen Projekt

Gemeinsame Vision: Intergenerationale Gerechtigkeit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung

Gemeinsame Vision: Intergenerationale Gerechtigkeit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung

Die Ergebnisse des partizipativen Prozesses zeigen, intergenerationale Gerechtigkeit, sowie wirtschaftliche Unabhängigkeit und Selbstbestimmung für alle mitarbeitenden Familienmitglieder auf dem Hof als zentrale Aspekte der Vision für die Transformation des Landwirtschaftssektors in der Schweiz. Die im einleitenden Teil dargestellten Problemlagen aus der Literatur wurden in den Interviews weitgehend bestätigt und spiegeln sich in den Wahrnehmungen der befragten Akteurinnen wider. Dabei wird deutlich, dass die ökonomische Dimension eine Schlüsselrolle einnimmt, wobei eine grundlegende Neuausrichtung der ökonomischen Bewertungslogiken, insbesondere im Hinblick auf die Messung von Arbeit und Produktivität, zentral ist.

Ein wesentliches Handlungsfeld besteht darin, die tatsächlichen, bislang weitgehend unsichtbaren Kosten landwirtschaftlicher Produktion systematisch zu berücksichtigen. Vor diesem Hintergrund wurde Gender Budgeting als zentrales, sektorübergreifendes Instrument identifiziert. Dabei integriert der Ansatz eine Geschlechterperspektive in Budgetierungs- und Planungsprozesse, um bestehende Ungleichheiten sichtbar zu machen und Ressourcenverteilungen gezielt an Gleichstellungszielen auszurichten (EIGE, 2020; Frey, 2010). Eine wichtige Grundlage hierfür bildet die systematische Erhebung und Auswertung von Zeitverwendungsdaten, die eine empirische Erfassung unbezahlter Arbeit in Satellitenkonti ermöglichen (ILO, 2025).
Im Agrarsektor umfasst die Umsetzung von Gender Budgeting sowohl strukturelle als auch konkrete Massnahmen. Dazu zählen etwa eine geschlechtersensible Ausgestaltung staatlicher Beiträge, die stärkere Berücksichtigung sozialer und ökologischer Kosten entlang von Wertschöpfungsketten sowie der Ausbau von Unterstützungsstrukturen für Betriebsleiterinnen. Insbesondere Förderprogramme für den Berufseinstieg, Kinderbetreuungsangebote oder betriebliche Entlastungsstrukturen können dazu beitragen, strukturelle Hürden abzubauen und die Vereinbarkeit von betrieblicher Tätigkeit und Reproduktionsarbeit zu verbessern.
Die Vision konkretisiert diesen Ansatz durch die Forderung nach einer verbesserten Datengrundlage, der Nutzung bestehender Daten sowie der Weiterentwicklung ökonomischer Indikatoren, etwa durch die Integration einer Geschlechterdimension in bestehende volkswirtschaftliche Kennzahlen. Dadurch kann Gender Budgeting als steuerungsrelevantes Instrument nutzbar gemacht werden. In der Schweiz bestehen hierfür bereits wichtige Grundlagen, beispielsweise durch Zeitverwendungsdaten und Satellitenkonti zur unbezahlten Arbeit (BFS, 2022, 2025). In vielen anderen Ländern, wie beispielsweise Deutschland, wird unbezahlte Arbeit jedoch oft kaum oder gar nicht erhoben.

Die Interviews zeigten zudem, dass die bestehende soziale Absicherung von Frauen in der Landwirtschaft häufig weniger auf der Anerkennung unbezahlter Arbeit basiert, sondern zunehmend durch ausserbetriebliche Erwerbstätigkeit gewährleistet wird. Ein erheblicher Teil dieses Einkommens fliesst jedoch zurück in den Betrieb und trägt so indirekt zu dessen wirtschaftlicher Stabilität bei. Diese Form der Quersubventionierung bleibt oft unsichtbar und führt insbesondere im Kontext von Ehe- und Erbrecht zu strukturellen Ungleichheiten, etwa im Falle von Scheidung oder Tod des betriebsleitenden Ehemannes.
Auch vor diesem Hintergrund wird die systematische Dokumentation von Arbeits- und Geldflüssen als wichtiger Ansatzpunkt identifiziert. Die transparente Erfassung von Tätigkeiten sowie finanzieller Beiträge innerhalb und ausserhalb des Betriebs gilt als wichtige Voraussetzung für eine gerechtere Verteilung von Ressourcen und Risiken, insbesondere im rechtlichen Kontext.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass ökonomische Transformation im Agrarsektor nicht allein durch Effizienzsteigerung erreicht werden kann, sondern eine grundlegende Neuausrichtung dessen erfordert, was als ökonomisch relevant gilt. Die Sichtbarmachung und Anerkennung unbezahlter Reproduktionsarbeit, insbesondere durch Instrumente wie Gender Budgeting, stellt dabei einen zentralen Hebel dar, um langfristig mehr Gleichstellung, Resilienz und Nachhaltigkeit im Sektor zu erreichen. Damit Gender Budgeting sein volles Potenzial entfalten kann, ist jedoch eine stärkere Einbettung in bestehende nationale und internationale Rahmenbedingungen erforderlich. Insbesondere die Umsetzung und Weiterentwicklung von Zielsetzungen wie SDG 5.4 sowie die Stärkung relevanter Institutionen und Strategien – beispielsweise nationaler Gleichstellungsstrategien oder agrarpolitischer Programme wie AP30+ – sind entscheidend, um entsprechende Ansätze strukturell zu verankern und langfristig wirksam zu machen.

Fazit und Ausblick

Das vorliegende Faktenblatt zeigt, dass unbezahlte Reproduktionsarbeit ein zentraler, jedoch systematisch unsichtbarer Bestandteil der landwirtschaftlichen Produktion ist. Ihre Vernachlässigung in ökonomischen und politischen Bewertungs- und Entscheidungsprozessen führt zu verzerrten Vorstellungen von Produktivität und Effizienz und trägt wesentlich zur Reproduktion geschlechtsspezifischer Ungleichheiten bei. Auch im Kontext familiengeführter Schweizer Landwirtschaftsbetriebe wird erneut deutlich, dass wirtschaftliche Stabilität vielfach auf unbezahlter oder ungenügend abgesicherter Arbeit basiert, während gleichzeitig auch ökologische Belastungen unzureichend berücksichtigt werden. Ein System, das von unsichtbarer sozialer und ökologischer Überlastung getragen wird, ist nicht nachhaltig.
Für eine nachhaltige Transformation des Agrarsektors ist daher eine Neuausrichtung dessen notwendig, was als ökonomisch relevant gilt, wobei Gender Budgeting als zentraler Hebel dient, den es institutionell zu verankern gilt.
Ein wichtiger nächster Schritt besteht darin, die in dem studentischen Projekt gefundenen Zusammenhänge empirisch weiter zu fundieren. Ein spannender Ausblick ergibt sich in diesem Zusammenhang aus der aktuellen Arbeit von Economiefeministe: Derzeit werden Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) des Bundesamts für Statistik (BFS, 2025) ausgewertet, um den Anteil unbezahlter Arbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Schweizer Landwirtschaft zu bestimmen. Die Ergebnisse stehen noch aus, versprechen jedoch wichtige empirische Einsichten, um die ökonomische Bedeutung unbezahlter Arbeit in der Landwirtschaft künftig präziser sichtbar zu machen.

Literatur

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