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Energie und Arbeit in den Schweizer Wirtschaftsbranchen
Unterbewertet und unterschätzt:
Energie und Arbeit in den Schweizer Wirtschaftsbranchen
Louisa Roos, Trinity College Dublin, https://sites.google.com/tcd.ie/louisaroos/about
In der ökonomischen Lehre wird Produktion häufig als ein Zusammenspiel zweier Faktoren dargestellt: Kapital und Arbeit. Besonders in einführenden Modellen der Mainstream-Ökonomie stehen diese beiden Inputs im Zentrum der Analyse. Auch aus marxistischer Perspektive steht das Machtverhältnis zwischen Kapitalbesitzenden und Arbeiter:innen im Fokus. In beiden vereinfachten Ansätzen fehlt jedoch ein dritter, zentraler Produktionsfaktor des kapitalistischen Wirtschaftens: Energie.
Schon vor den klassischen Ökonom:innen betrachteten die Physiokraten den Produktionsfaktor ‹Land› als grundlegende Quelle des wirtschaftlichen Reichtums – ein Gedanke, der eng mit der Rolle von natürlichen Ressourcen und Energie als fundamentaler Grundlage des Wirtschaftens verknüpft ist. Steve Keen betont in The New Economics: A Manifesto (2021), dass jede Form von Produktion inhärent Energie benötigt. Energie ist demnach nicht einfach ein weiterer Input von natürlichen Ressourcen neben Kapital und Arbeit, sondern vielmehr eine der Grundlagen, auf denen Produktion überhaupt möglich wird. Arbeit und Kapital sind in dieser Sichtweise Mittel, mit denen Energie genutzt wird, um nützliche Arbeit zu verrichten (Keen 2021). Auch Arbeit selbst – physisch wie kognitiv – ist menschliche Energie, die in Verbindung mit anderen Energiequellen, etwa fossilen Brennstoffen, eingesetzt wird.
In ökonomischen Modellen – wie auch in der Politik – wurde Energie lange als quasi unerschöpfliche Ressource behandelt (so wie die unbezahlte Arbeit auch). Das spiegelt sich auch im Steuersystem wider: Während die Sozialbeiträge der Arbeitgebenden in der Schweiz im Jahr 2020 bei 3,2 % des BIP lagen1https://www.oecd.org/en/publications/revenue-statistics-2023_9d0453d5-en.html, betrugen energiebezogene Steuern lediglich 1,4 % des BIP.2https://pestalozzilaw.com/en/insights/news/legal-insights/swiss-green-taxation/?simple_view=true Dies hält die Energiekosten für Produzent:innen niedrig, was insbesondere energieintensive – und nicht arbeitsintensive – Sektoren stärkt. Das hat kurzfristige Auswirkungen auf die sektorale Struktur der Wirtschaft und mittelfristige Folgen für die ökologische Nachhaltigkeit.
In der historischen Entwicklung der Begrifflichkeit Produktivität spielte der Ersatz menschlicher Arbeit durch maschinelle Arbeit mit dem Einsatz von Energie – insbesondere fossiler Brennstoffe – eine zentrale Rolle. Steigerungen der Produktivität beruhen häufig auf dieser Substitution. Doch nicht in allen Wirtschaftssektoren ist diese Form der Produktivitätssteigerung gleichermassen möglich. Wie Baumol in seiner Theorie der «Kostenkrankheit» betont, bleiben etwa im Gesundheits- und Pflegebereich die Möglichkeiten zur Automatisierung begrenzt, da dort menschliche Zuwendung und personale Interaktion zentral sind3https://www.zhaw.ch/storage/gesundheit/institute-zentren/ipf/%C3%BCber_uns/studie-mad%C3%B6rin-%C3%B6konomisierung-gesundheitswesen-version-215-zhaw-gesundheit.pdf, S. 15-17.
. Die Produktivitätssteigerung mithilfe von Energie ist somit sektoral ungleich verteilt – mit weitreichenden Folgen für die Lohn- und Preisstruktur einer Volkswirtschaft und gesellschaftliche Anerkennung.
Dieses Faktenblatt betrachtet die Schweizer Wirtschaft als Ganzes und setzt die Bruttowertschöpfung der einzelnen Wirtschaftsbranchen («Wirtschaftsabschnitte») in Relation zu ihrem Arbeits- und Energieeinsatz. Die Struktur einer Volkswirtschaft spielt dabei eine doppelte Rolle: Sie beeinflusst nicht nur den wirtschaftlichen Wohlstand eines Landes, sondern auch die Verteilung und Intensität der Nutzung von Produktionsfaktoren. Bei diesen Zahlen handelt es sich oft um Annäherungen und sie sollten daher nur zur Einschätzung der Grössenordnung verwendet werden.
Wir betrachten zuerst die Zusammensetzung der Schweizer Wirtschaft nach Branchen – zunächst anhand der Bruttowertschöpfung, also den Wert aller produzierten Güter und Dienstleistungen einer Branche abzüglich Vorleistungen. Grafik 1 zeigt, dass Haushalte die grösste «Branche» der Schweizer Wirtschaft sind. Bemerkenswert ist, dass es sich hierbei um unbezahlte Arbeit handelt, die entsprechend nicht entlohnt wird. Die drei grössten Branchen der bezahlten Wirtschaft sind das verarbeitende Gewerbe, Immobilien und technische Dienstleistungen sowie Handel und Reparatur.
Grafik 1. Bruttowertschöpfung nach Wirtschaftsbranchen
Als Nächstes zeigt Grafik 2 die Struktur der Wirtschaft nach Energieverbrauch. Auch hier gehören Haushalte zu den grössten Wirtschaftsbranchen.5Beim Blick auf die Haushalte wird der Verkehr ausgeschlossen. Zwar ist dieser sehr wichtig, lässt sich aber schwerer der Produktion von Haushalten zuordnen. Würde man den Energieverbrauch des Verkehrs hinzurechnen, wäre der Energieverbrauch der Haushalte etwa 50 % höher. Nach Haushalten und Energieversorgung, sind das verarbeitende Gewerbe sowie der Bereich Verkehr und Informations-/Kommunikationsdienste, die Branchen mit dem höchsten Energieverbrauch. Dabei ist jedoch zu beachten, dass der Energieverbrauch in der Umweltgesamtrechnung nach dem Verursach*erinnenprinzip erfasst wird. Das bedeutet, dass der Energieeinsatz, der im Ausland für die Herstellung von Gütern entsteht – auch wenn die Geldflüsse über den Handel für den Konsum der Haushalte in die Schweiz oder als Vorprodukte in die inländische Produktion fliessen – wird nicht eingerechnet.
Grafik 2. Energieverbrauch nach Wirtschaftsbranchen
Betrachten wir den Produktionsfaktor Arbeit, so übertreffen Haushalte den Rest der Wirtschaft deutlich: Im Jahr 2024 wurden in Haushalten über 12 Milliarden Arbeitsstunden6BFS. Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE): Modul Unbezahlte Arbeit (Tabelle T 03.06.03.01) geleistet – verglichen mit durchschnittlich rund 0,7 Milliarden Stunden in den übrigen Branchen. Grafik 3 zeigt die Evolution der Arbeitsvolumen nach Branchen deshalb ohne Haushalte, da deren Arbeitsstunden die Skala dominieren und die Entwicklung der übrigen Sektoren schwer erkennbar machen würden. Das verarbeitende Gewerbe (hier gemeinsam mit der Energieversorgung dargestellt) ist historisch auch in Bezug auf Arbeitsvolumen die wichtigste Branche. Es ist jedoch deutlich, dass Immobilien und wissenschaftliche und technische Dienstleistungen, so wie auch das Gesundheits- und Sozialwesen, schnell aufholen.
Grafik 3. Arbeitsvolumen nach Wirtschaftsbranchen (ohne Haushalte)
Grafik 4. Energieverbrauch pro Arbeitsstunde nach Wirtschaftsbranchen
Grafik 5. Arbeitsvolumen nach Branchen und Geschlecht
Die Statistiken in diesem Faktenblatt verdeutlichen die Struktur der Schweizer Wirtschaft – sowohl hinsichtlich der Bruttowertschöpfung als auch der Energie- und Arbeitsintensität. Männlich dominierte Sektoren wie das verarbeitende Gewerbe und die Energieversorgung weisen einen besonders hohen Energieverbrauch pro geleistete Arbeitsstunde auf. Diese Branchen konnten durch niedrige Energiekosten und technischen Fortschritt ihre Arbeitsstunden reduzieren und dadurch Lohnkosten sparen. Auch arbeitsintensive und frauendominierte Branchen wie das Gesundheitswesen profitieren von niedrigeren Energiekosten, allerdings spiegelt sich dies kaum in niedrigeren Arbeitskosten wider, da der Personalaufwand weiterhin hoch bleibt.
Der enorme Ersatz von Arbeitskraft durch Energie wäre nicht möglich gewesen ohne den massiven Einsatz von fossilen Brennstoffen, die aus ökologischer Sicht ausserordentlich schädlich sind. Wären eingesetzte Ressourcen entsprechend ihrer sozialen und ökologischen Kosten bepreist – und würde die gesellschaftlich notwendige Arbeit von Frauen nicht gleichzeitig systematisch unterbewertet –, könnten wirtschaftspolitische Diskussionen und Entscheidungen anders aussehen. Eine Umgestaltung von Steuer- und Anreizsystemen, die sowohl ökologische Belastungen als auch Care-Arbeit adäquat berücksichtigen, wäre ein erster Schritt zu einer gerechteren Wirtschaftsstruktur.
Fussnoten
- 1
- 2
- 3
- 4Mascha Madörin, Sorge- und Versorgungswirtschaft und das Geschäftsmodell Schweiz. In: Schweizer Kapitalismus. Erfolgsmodell in der Krise, herausgegeben von Arman Spéth, Dominic Iten, Lukas Brügger. mandelbaum verlag, Wien 2025
- 5Beim Blick auf die Haushalte wird der Verkehr ausgeschlossen. Zwar ist dieser sehr wichtig, lässt sich aber schwerer der Produktion von Haushalten zuordnen. Würde man den Energieverbrauch des Verkehrs hinzurechnen, wäre der Energieverbrauch der Haushalte etwa 50 % höher.
- 6BFS. Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE): Modul Unbezahlte Arbeit (Tabelle T 03.06.03.01)
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Wie künftig finanzieren
Unterbewertet und unterschätzt: Energie und Arbeit in den Schweizer Wirtschaftsbranchen
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