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Veröffentlicht am: 28. Mai 2026

Smartphones: Überraschende Auswirkungen auf die Fertilitätsrate

Blog von Mascha Madörin

Neuere Umfragen in verschiedenen Ländern zeigen, dass Frauen im gebärfähigen Alter sich im Durchschnitt zwei Kinder wünschen. Seit den 2010er-Jahren weicht die durchschnittliche Zahl der effektiv geborenen Kinder jedoch immer stärker von der durchschnittlichen Wunschzahl nach unten ab. Zwar haben Frauen, die Kinder haben, oft immer noch zwei Kinder, aber neu ist, dass immer mehr Frauen überhaupt keine Kinder haben. Wie unerwartet diese Entwicklung ist, zeigt die Tatsache, dass UNO-Prognosen für Südkorea für das Jahr 2023 die Geburtenrate um 50 Prozent überschätzten. Worauf ist diese überraschend drastische Entwicklung zurückzuführen?

John Burn-Murdoch geht in einem Artikel der «Financial Times»1John Burn-Murdoch: Why birth rates are falling everywhere all at once, in Financial Times, online vom 16. Mai 2026. dieser Frage nach und präsentiert eine Reihe von Studien, die den massiven Rückgang der Fruchtbarkeitsrate fast überall auf der Welt untersuchen. Laut der mit Studien untermauerten These des Autors ist dieser Rückgang auf zwei Faktoren zurückzuführen: Einerseits auf die Wohn- bzw. Haushaltssituation und andererseits vor allem auf die flächendeckende Einführung von Smartphones.

Wenn Frauen sich Kinder nicht mehr leisten können

Etliche Untersuchungen zeigen, dass einige Paare bzw. Frauen auf Kinder verzichten, weil sie sich diese nicht leisten können. Diese Entwicklung hat in den USA und im Vereinigten Königreich vor allem nach der Finanzkrise (2007–2009) eingesetzt, als viele Menschen ihren Hausbesitz verloren haben und sich danach kein neues Eigentum mehr leisten konnten. Untersuchungen zeigen, dass bessere und bezahlbarere Wohnverhältnisse sowie finanzielle Zuschüsse und Unterstützung für die Kinderbetreuung sich positiv auf die Fertilitätsrate auswirken. Vorausgesetzt, sie sind grosszügig genug. Was sich von der Schweiz nun gar nicht behaupten lässt.

Studien zur Fruchtbarkeitsrate in verschiedenen wirtschaftlich weit entwickelten Ländern zeigen zudem klar, dass Frauen mit höherer Bildung eine höhere Fertilität aufweisen als Frauen mit wenig qualifizierter Bildung. Das Argument, die niedrige Fertilität sei dadurch bedingt, dass immer mehr gut ausgebildete Frauen aus Karrieregründen auf Kinder verzichten, kann daher kaum eine befriedigende Erklärung für den Rückgang der Fertilitätsrate liefern.
Es gibt also schon soziale und ökonomische Faktoren, die jedoch nicht den inzwischen fast weltweiten Fall der Fertilitätsrate der letzten Jahre erklären können.

 

Beitragsbild: KI-generierte Illustration / ChatGPT, 2026

Kategorien: Blog
Schlagwörter: Aline Evans, Bildung, Coupling-Rate, Fertilitätsrate, Financial Times, finanzielle Zuschüsse, Geburtenrate, Geschlechterverhältnisse, Haushaltssituation, Ideologie-Gap, Instagram, John Burn-Murdoch, Kinderbetreuung, Kinderlosigkeit, Kinderwunsch, Korrelationsanalysen, Langzeitbeziehungen, Mascha Madörin, Paarbeziehungen, Schweiz, Smartphones, soziale Medien, Südkorea, TikTok, traditionelle Autoritäten, Wohnverhältnisse

Smartphones und sinkende Paar(ungs)rate (Coupling Rate)

Die Entwicklung der Fertilitätsrate folgt statistisch ziemlich genau der Coupling-Rate, also dem Anteil von Paaren bzw. Menschen, die langfristig zusammenleben oder verheiratet sind. Die Grafiken im Financial-Times-Artikel zu so unterschiedlichen Ländern wie Finnland, Mexiko, Peru, Südkorea, Thailand, Tunesien, der Türkei und den USA zeigen eindrücklich eine parallele Entwicklung. Weitere Untersuchungen in britischen Haushalten haben gezeigt, dass die Zahl der Langzeitbeziehungen insbesondere bei Personen mit wenig qualifiziertem Bildungsgrad schon vor 2010 gesunken ist, ab 2010 nochmals einen zweiten Knick nach unten zeigte. Dieser zweite Abwärtstrend im Anteil «fester» Beziehungen wurde auch für höhere Bildungskategorien festgestellt. Das Gleiche ist auch für die USA festzustellen.

Woher kommt dieser Rückgang der Coupling-Rate? Junge Menschen wenden überall auf der Welt, wo sie Smartphones haben, viel Zeit für die Kommunikation über soziale Medien auf und immer weniger für direkte Begegnungen. Die Zeit, in der sich 15- bis 29-Jährige in der Freizeit persönlich treffen, ist sowohl in den USA als auch im Vereinigten Königreich, in Europa und Südkorea massiv gesunken. Ebenso ist der Prozentsatz der jungen Menschen gesunken, die sich innerhalb einer Woche persönlich treffen. Das heisst, die Möglichkeit, einen geeigneten Partner oder eine geeignete Partnerin zu finden, verkleinert sich. Weniger Paarbeziehungen bedeuten weniger Kinder. Voilà! Wer hätte das gedacht?

Instagram und TikTok verändern die Erwartungen junger Frauen

Eine neuere statistische Untersuchung unterstützt diese These: Die Geburtenrate junger Menschen (15 bis 29 Jahre) ist in den verschiedensten Ländern ziemlich gleichgeblieben, bis sich die Smartphones verbreiteten, in den USA vor 2010 und im Senegal ab 2015.

Aline Evans von der Stanford University kam in ihren ländervergleichenden Studien zu dem Ergebnis, dass je traditioneller eine Gesellschaft in Bezug auf Geschlechterverhältnisse ist, desto stärker ist der Rückgang der Fertilitätsrate im Zeitalter der Smartphones. Das gilt beispielsweise auch für den Iran. Dazu sagt Evans: «Instagram und TikTok ermöglichen es jungen Frauen auf der ganzen Welt, traditionelle Autoritäten zu umgehen […] und ihre Erwartungen an Beziehungen auf eine Art zu erhöhen, auf die ihre männlichen Partner oft nicht vorbereitet sind.» (eigene Übersetzung)2Zit. nach Burn-Burdoch, siehe Fussnote 1: “Instagram and TikTok enable young women across the world to bypass traditional authorities […] raising their expectations for a relationship in a way their male counterparts are often not prepared for”.

Die «Financial Times» hat auch weiter eruiert, dass Smartphones möglicherweise zur Zunahme eines geschlechterspezifischen Ideologie-Gap beigetragen haben. Männer mit dem am wenigsten qualifizierten Bildungsabschluss sind in ihren politischen Ansichten ziemlich rechts geblieben. Frauen der gleichen Gruppe waren Mitte der 2000er-Jahre fast so rechts wie Männer. Seit der Verbreitung von Smartphones sind Frauen, so die These, seither massiv nach links gerutscht. Männer mit dem höchsten Bildungsgrad waren Mitte der 2000er-Jahre rechter orientiert als Männer mit dem am wenigsten qualifizierten Bildungsgrad. Heute vertreten sie jedoch weniger rechte Ansichten als diese. Frauen mit höchstem Bildungsgrad waren Mitte der 2000er Jahre etwas weniger rechts als Frauen mit weniger qualifiziertem Bildungsgrad. Nun sind sie von allen am stärksten links positioniert. Letztlich, so argumentiert Burn-Murdoch, geht es um die Perspektive, um das Denken in Möglichkeiten.

Um die These von Smartphones als wichtige Ursache für sinkende Fertilitätsraten zu untermauern, berichtet Burn-Murdoch über mehrere Studien, über Umfragen und vor allem detaillierte Korrelationsanalysen mit entsprechend eindrücklichen Grafiken. Es gibt unglaublich viele Daten, die heutzutage ausgewertet werden können. Das Ganze hilft, sich Zusammenhänge neu zu denken, neue Thesen zu formulieren. Aber es handelt sich vorwiegend um Korrelationsanalysen aus Zeiten grosser wirtschaftlicher, politischer und sozialer Umbrüche, in denen der Umsatz von Smartphones zugenommen hat. Kann sein, dass andere Veränderungen während der gleichen Zeit, wenn sie mit der Fertilitätsrate korreliert würden, Evidenzen zu anderen Thesen liefern würden. Die im Artikel präsentierten Evidenzen zur Smartphone-These finde ich jedenfalls ziemlich überzeugend und faszinierend. Vorerst jedenfalls.

Fussnoten
  • 1
    John Burn-Murdoch: Why birth rates are falling everywhere all at once, in Financial Times, online vom 16. Mai 2026.
  • 2
    Zit. nach Burn-Burdoch, siehe Fussnote 1: “Instagram and TikTok enable young women across the world to bypass traditional authorities […] raising their expectations for a relationship in a way their male counterparts are often not prepared for”.

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